Marc Bolan: Pionier der Pop-Ästhetik

Er starb 1977 und wurde nicht einmal 30: Marc Bolan, Glam-und Glitter-Ikone und Electric Warrior.

Tyrannosaurus Rex. So hieß die Band von Marc Bolan (l.) und Steve Peregrin Took.
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Tyrannosaurus Rex. So hieß die Band von Marc Bolan (l.) und Steve Peregrin Took.
Tyrannosaurus Rex. So hieß die Band von Marc Bolan (l.) und Steve Peregrin Took. – (c) Universal Music

Mit dem Spruch „London einmal koscher entdecken!“ versuchen Reisebüros Touristen von den üblichen Hotspots wegzulocken. Dann empfehlen sie Golders Green, einen Nordlondoner Flecken, der nach dem Zweiten Weltkrieg Fluchtpunkt für viele orthodoxe Juden aus Europa war. Dort gibt es einen Wallfahrtsort für Romantiker: das Krematorium, das die Asche zahlreicher Prominenter birgt. Die Urne von Sigmund Freud, einen gelben Rosenstock für Peter Sellers, auch „Who“-Drummer Keith Moon fand ein Plätzchen – und Amy Winehouse wurde hier kremiert. Hoch auf der Mauer eines Innenhofs ist ein weißer Porzellanschwan zu sehen. Dieser verweist auf den vielleicht berühmtesten Musiker von Golders Green: Marc Bolan. Der Space-Folk-Pionier und spätere Erfinder des Glam Rock war nicht einmal 30 Jahre alt, als seine Asche 1977 unter einem Strauch platziert wurde. Bolan, der keinen Führerschein besaß, war in einem lila Mini Cooper, der von seiner damaligen Freundin, Soulsängerin Gloria Jones (Hit: „Tainted Love“) gelenkt wurde, tödlich verunglückt. Die letzte Ehre erwiesen David Bowie, Steve Harley, Rod Stewart und Bolans Produzent, Tony Visconti. Ein riesiger, aus Blumen gefertigter Schwan empfing die Trauergäste und erinnerte an die glamourösen Tage des Verblichenen.
 
Mods. Als Mark Feld, 1947 im Londoner Arme-Leut-Bezirk Hackney geboren, wurde der Sohn eines Lkw-Fahrers zum Inbegriff des glamourösen Stars der Siebzigerjahre. Seine Musik fundierte im Rock’n’Roll der Fünfzigerjahre, aber auch im Folk der Sechziger. Als Teenager hing er leidenschaftlich in der 2i’s Coffee Bar in der Old Compton Street in Soho ab, die als Geburtsort des britischen Rock’n’Roll gilt. Bolan kleidete sich früh im Dresscode der Mods und begann als Gitarrist in Skiffle Bands zu spielen. Sein erster Künstlername war Toby Tyler. 1963 nahm er erstmals mit dem britischen Wunderproduzenten Joe Meek auf. Der Song hieß „Mrs. Jones“ und blieb unveröffentlicht. Zwei Jahre später nannte er sich Marc Bolan und nahm seine Debütsingle, „The Wizard“, auf. Beeinflusst war er damals von Bob Dylan und den Poeten der Beat Generation. Für kurze Zeit schloss er sich der Band John’s Children an. Eine fruchtlose Zeit. 1967 startete Bolan den nächsten Versuch, zu Ruhm zu gelangen. Mit dem Perkussionisten Steve Peregrin Took gründete er das Psychedelic-Folk-Duo Tyrannosaurus Rex. 1968 nahmen sie das erste von drei zeitlos schönen Alben auf. BBC-Radiomann John Peel entflammte für sie und unterstützte Bolan auch später stark. „Unicorn“, ihr drittes Album, schaffte es immerhin auf Platz zwölf der britischen Charts. Weil Took zu viele Drogen nahm, beendete Bolan 1969 die Zusammenarbeit abrupt. Im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „The Warlock of Love“. Mit seinem neuen musikalischen Partner, Mickey Finn, schuf er ein letztes, diesmal elektrifiziertes Tyrannosaurus-Rex-Album. Fortan sollte seine gebrauchte Gibson-Les-Paul-Gitarre die Richtung vorgeben.

„Hot Love“. Am 1. Juli 1970 nahm Bolan den Song „Ride a White Swan“ auf. Das groovige Lied kämpfte sich auf Platz zwei der Charts. Ein erster Bolan-Hit war geboren. „Catch a bright star and place it on your forehead, say a few spells and there you go“, sang er. Jetzt bekam die Sache Richtung. Bolans Stimme war in den Vordergrund gemischt, und die Lieder waren nicht mehr so versponnen. Jetzt zeigte sich, dass Bolan ein Gefühl für attraktive Melodien mit einem Hauch Rock’n’Roll hatte. Der sexuell aufgeladene Song „Hot Love“ katapultierte Bolan in den Orbit. Die Nummer, ein unorthodoxer Blues, wurde zum Inbegriff britischer Pop-Schrulligkeit. Jetzt prasselten ihm die Hits aus dem Ärmel. „Jeepster“, „Get It on“, später „20th Century Man“, „Telegram Sam“ und „Solid Gold, Easy Action“. Mit seinem Album „Electric Warrior“ demonstrierte er Midas-Gaben. Jetzt waren die Hippiejahre endgültig vorbei. Bolan mit seiner Fähigkeit, sich fancy zu kleiden, war ein androgynes Kind des damaligen Zeitgeists, der ideale Popstar, wie ihn der durch ihn ebenfalls inspirierte Kollege David Bowie im Song „The Prettiest Star“ zeichnete. Teile des Albums entstanden in den USA. Fertiggestellt wurde es allerdings in den winzigen Trident Studios in Soho, London. Mick Farren, ein Freund von Bolan und späterer Chronist der Gegenkultur, bringt die Strahlkraft des T.-Rex-Frontmanns so auf den Punkt: „David Bowies ‚Ziggy Stardust‘ kommentierte das Wesen des Popstars, während Marc Bolan dieser Popstar war.“ „Electric Warrior“ wurde zum Kulminationspunkt von Bolans Karriere. Mit späteren, keineswegs üblen Alben wie „The Slider“ und „Dandy in the Underworld“ ging es langsam in eine Abwärtskurve. „Electric Warrior“ aber entzündete den Glam oder Glitter Rock, dessen Künstler Alvin Stardust, Suzie Quatro, Wizard, Mud, Sweet und last, but not least Gary Glitter hießen. Selbst Hochkaräter wie David Bowie, Lou Reed und Iggy Pop hatten damals ihre Glitter-Phase. Und die Sache wirkt nach. Das amerikanische Dance-Outfit Scissor Sisters hat eine ähnlich glamouröse Garderobe wie Bolan und trägt wie dieser Eyeliner. Bolans Lieder wurden vielfach gecovert. Von Goldfrapp bis zu den Fratellis, von Marc Ribot bis Lloyd Cole. Das wohl schönste Cover passierte noch zu seinen Lebzeiten. Cilla Black sang mit Bolan in ihrer TV-Show die zauberhafte T.-Rex-Ballade „Life’s a Gas“. Pure Magie.

Tipp

„The Essential Collection of Marc Bolan“ ist ein Weilchen her. 2002 lanciert, versammelt die Audio-CD das Werk von Marc Bolan und T. Rex (Tyrannosaurus Rex ohne Jurassic Park). Auf YouTube gibt es Bolan-Clips zu erleben, auch den Auftritt mit Cilla Black.

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