Impotenz, Eis und Koks im Hotel

Ein magischer, ein tragischer Ort: Pianist Chilly Gonzales und Sänger Jarvis Cocker widmen der Hollywood-Nobelherberge Chateau Marmont ein schönes Konzeptalbum.

Ein Paar, wie in Hollywood ersonnen: Pianist Chilly Gonzales (links), geboren 1972 in Montreal, begann als The Worst DJ und Begleiter der exzentrischen Peaches; Sänger Jarvis Cocker, geboren 1963 in Sheffield, war Kopf von Pulp, der besten Britpop-Band der Neunzigerjahre.
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Ein Paar, wie in Hollywood ersonnen: Pianist Chilly Gonzales (links), geboren 1972 in Montreal, begann als The Worst DJ und Begleiter der exzentrischen Peaches; Sänger Jarvis Cocker, geboren 1963 in Sheffield, war Kopf von Pulp, der besten Britpop-Band der Neunzigerjahre.
Ein Paar, wie in Hollywood ersonnen: Pianist Chilly Gonzales (links), geboren 1972 in Montreal, begann als The Worst DJ und Begleiter der exzentrischen Peaches; Sänger Jarvis Cocker, geboren 1963 in Sheffield, war Kopf von Pulp, der besten Britpop-Band der Neunzigerjahre. – (c) Deutsche Grammophon

Ein Hotel kann vieles sein. Ein Liebesnest, ein Platz für eine selbst gehäkelte Utopie oder simpel eine zeitlich begrenzte Zufluchtsstätte, in der man verzweifelt Lichtschalter und Eierkocher sucht. Und natürlich auch ein Ort des Rock'n'Roll-Lebens, an dem Lust und Frust ausagiert werden. Legendär sind die zerstörten Suiten von The Who, Leonard Cohens zerwühlte Bettdecken. Und allerlei Badewannen, in denen der Tod lauerte. Guter Stoff für Lieder. Von Elvis Presleys „Heartbreak Hotel“ über Cohens „Chelsea Hotel“ bis hin zum „Hotel California“ der Eagles – die Popmusik hat das Hotel, diesen seltsamen Ort des Übergangs, oft und oft besungen. Procol Harum haben bereits in den Siebzierjahren mit „Grand Hotel“ ein nostalgisches Konzeptalbum zum Thema vorgelegt. Moby tat es 2005.

So gesehen ist „Hotel 29“ nicht so originell. In seiner exquisiten Ausführung ist es diese bei dem Klassiklabel Deutsche Grammophon erscheinende Reverenz an das Chateau Marmont aber doch. Mit Pianist Chilly Gonzales und Sänger Jarvis Cocker haben sich zwei Intellektuelle getroffen, die sich liebevoll der aufgestauten Mythen dieses schicken Sündenpfuhls annahmen, in dem einst Led Zeppelin mit den Motorrädern in die Lobby fuhren und Blues-Brother John Belushi sich in den Himmel kokste.

 

Jean Harlows Flitterwochen

Solch derbe Dekadenz interessierte Textdichter Jarvis Cocker aber weniger. Er träumte sich lieber in die Frühzeit des Etablissements zurück, in dem Hollywood-Schauspieler und Drehbuchschreiber die Szene beherrschten. Seine Perspektive aufs Chateau Marmont erläutert er flüsternd im ersten Stück: „A comfortable venue for a nervous breakdown, a front row seat for psychic shakedown.“ Zur dezent anschwellenden Pianomelodie sinniert er dann über das Zimmer 29, in dem einst Sexidol Jean Harlow ihre gescheiterten Flitterwochen verbrachte. „Is there anything sadder than a hotel room that hasn't been fucked in?“, fragt er. Später, in „Bombshell“, wird diese Tragödie sexueller Impotenz aus Sicht des unglücklichen Bräutigams, der sich zwei Monate später erschossen hat, zu verzweifelten Geigen und molllastigen Pianotupfern erzählt.

Dieses Zimmer 29 hat Cocker vor vielen Jahren selbst einmal bewohnt. Am Ende einer Tour mit seiner Band Pulp wurde er upgegradet und staunte über den Flügel in der Suite. Er begann, darüber zu fantasieren, was dieses einst von Mark Twains Tochter Clara aufgestellte Instrument wohl alles gesehen haben könnte. In „Clara“ spekuliert er über ihr patschertes Leben. In einem anderen Lied muss der Flügel gar als Unterlage für Kokain herhalten. „I read an actress used to party in this place and do drugs off the piano. If I lick, will it still taste?“

Erst plante Cocker, der seit einigen Jahren auf BBC eine eigene Radiosendung hat, „Room 29“ als Hörspiel, dann als Film. Am Ende wurde es doch ein Konzeptalbum. Ein recht kammermusikalisches. Einmal hört man sogar das Kratzen einer Feder auf Papier. Wenn Cocker seine Stimme erhebt, mäandert sie meist zerstreut um die anmutigen Melodielinien. In „Salomé“ freilich singt er ambitioniert wie der alte Burt Bacharach. Dessen persönliche Tragödie macht ja vielen Aficionados die größte Freude: Als Komponist erreicht er höchste Perfektion, als Sänger scheitert er regelmäßig. Und doch wirkt sein tapsiger Gesang viel ergreifender als all die polierten Versionen derer, die seine Songs berühmt gemacht haben . . .

Der kluge Cocker kennt diese Paradoxie, reizt seine stimmlichen Unzulänglichkeiten effektvoll aus. Nur einmal versteckt er sich ein wenig in einer Wall of Sound. Der dunkle Walzer „Trick of the Light“, aufgepeppt durch das Macedonian Symphonic Orchestra, ist Kulminationspunkt des Albums. Beseelt lobt Cocker darin die Licht- und Schattenspiele der frühen Filmindustrie: „I lost my wife but – that's Hollywood, a magic window, a most marvellous confection.“ Im träumerischen Epilog gibt es dann nichts als süße Versprechungen: „A sexual intercourse, that's what it's all about, of course. After I'll buy you dinner, we'll order ice cream as main course.“ So ist das Leben im Traumhotel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2017)

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