Jazz

Jazzbassist Ron Carter: "Bach ist für mich der Meister der Basslinien"

Auf über 2200 Alben ist er zu hören: Ron Carter ist der wohl umtriebigste Bassist der Jazzgeschichte. Am Dienstag spielt er im Konzerthaus. Mit der „Presse“ sprach er im Hotel Imperial über Hip-Hop und Bach, Miles Davis und Kritiker.

Ron Carter bei einem Konzert im Juli 2012
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Ron Carter bei einem Konzert im Juli 2012
Ron Carter bei einem Konzert im Juli 2012 – (c) REUTERS (Eric Gaillard / Reuters)
Die Presse: Permanent tummeln Sie sich in Studios und auf Bühnen. Woher kommt diese Ruhelosigkeit?
 
Ron Carter: Bass zu spielen ist einfach mein Beruf. Das viele Arbeiten hat nichts mit Ruhelosigkeit zu tun, eher mit Wissbegierigkeit.

2014 nahmen Sie „My Personal Songbook“ auf, Ihr erstes Album, das nur Eigenkompositionen enthält. Dazu mussten Sie erst überredet werden. Warum?

Weil ich mich mehr für die Stücke anderer interessiere als für meine eigenen. Das Songbook eines Benny Golson oder Oscar Pettiford zu studieren, das fasziniert mich. Weil die Kollegen sich an kritischen Stellen anders entscheiden als ich. Das inspiriert mich.

Sie haben 1991 mit der Hip-Hop-Gruppe A Tribe Called Quest gearbeitet. Wie kam es denn dazu?
 
Es läutete das Telefon, und ein Typ sagte: „Hi, hier spricht Q-Tip. Ich hätte gerne, dass du auf unserem neuen Album mitspielst.“ Da ich keinen Schimmer von Hip-Hop hatte, rief ich meinen Sohn an. Der riet mir dringend zu. Also nahm ich an. Unter Bedingungen. Ich sagte zu Q-Tip: „Wenn du irgendwelche frauenfeindlichen Sachen rappst, dann bin ich schneller aus der Türe raus, als du schauen kannst.“ Musikalisch hab ich ihnen vertraut. Heute sagen alle, die etwas von Hip-Hop verstehen, dass das Album „Low End Theory“ zu den Klassikern dieses Genres zählt. Das finde ich schön.

Kürzlich wurde dieses verhuschte Steve-Kuhn-Album aus dem Jahr 1971 wiederveröffentlicht, das von Gary McFarland arrangiert wurde. Was für Erinnerungen haben Sie an dieses früh verstorbene Genie?

Es war einfach großartig mit ihm zu arbeiten. Er wusste bei jeder Session über das jeweilige Niveau jedes Instrumentalisten Bescheid und nützte dieses Wissen für seine Arrangements. Andere Arrangeure kümmert das nicht, die wollen einfach hören, was sie notiert haben. Gary war diesbezüglich flexibel, ohne dass die Qualität litt. Seine Sachen klingen zeitlos schön.

Ihr erstes Instrument war das Cello. Hat Sie das in Ihrer Art, Bass zu spielen, beeinflusst?

Am Konservatorium herrschte ein positiver Geist des Wettbewerbs. In dieser Zeit lernte ich, richtig zu üben. Die damals erworbene Disziplin hab ich verinnerlicht. Sie hat mich künstlerisch vorangebracht. Ein Konzert ist ja nur ein winziger Ausschnitt aus dem Musikerleben. Die meiste Zeit spielst du für dich selbst.

Sie haben lange in der Band von Miles Davis gespielt. Was war 2007 ihre Intention mit dem Album „Dear Miles“?

Ich wollte einfach etwas aufnehmen, was Miles gefallen hätte.

Was haben Sie denn damals in der Band von Miles Davis gelernt?

Dass einem jeder Abend aufs Neue die Chance gibt, große Musik zu kreieren. An Routine war bei Miles nicht zu denken. Und dass es Fehler im Grunde nicht gibt, weil sich selbst grobe Schnitzer musikalisieren lassen – mit dem, was du ihnen an Noten oder an Stille folgen lässt.

Anfang der Siebzigerjahre haben Sie mit dem afroamerikanischen Poeten Gil Scott-Heron das sozialkritische Album „Pieces Of A Man“ aufgenommen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Der Klavierspieler der Band, Brian Jackson, rief mich an und fragte, ob ich dabei sein will. Ich sagte: Schick mir die Noten, ich schau mir das an. Er wiegelte ab, meinte, ich solle ihm vertrauen und kommen. Das tat ich. Als dann Gil mit seinem Afro das Studio betrat, dachte ich mir bloß: Wie ein Poet sieht der aber nicht aus! Doch bei den Aufnahmen belehrte er mich schnell eines Besseren. Er war nicht der größte Sänger, aber seine tief menschliche Lyrik berührte mich. Ein Stück wie „The Revolution Will Not Be Televised“ hatte bis dahin niemand gemacht. Wahnsinn.

Sie haben auch zwei Alben mit der Musik von Johann Sebastian Bach eingespielt. Hören Sie nach wie vor auch Klassik?

Selbstverständlich. Übrigens: Bach ist für mich der Meister der Basslinien, weil es bei ihm der Bass ist, der die Harmonien und Melodien kontrolliert.

Sie wurden für Ihre Bach-Interpretationen aber auch von Kritikern hart angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Da kann ich schon eine Riesenwut bekommen, weil ich ja nicht reagieren kann. Ich habe leider keinen der Kritiker persönlich getroffen, sonst wäre mir wohl unwillkürlich ein „Kiss my ass“ herausgerutscht. Wieso sagen die, dass mein Zugang zu Bach ein Sakrileg darstellt? Die haben doch keine Ahnung, worum es mir geht.

Live in Wien: 21. März, 19.30 Uhr, Konzerthaus, gemeinsam mit dem französischen Akkordeonisten Richard Galliano

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