Der Britpop-Vater träumt Amerika

Vom Wilden Westen zur US-Realität: Das neue Album von Sir Ray Davies, dem 72-jährigen Songwriter der Kinks, heißt – wie schon seine Autobiografie – „Americana“.

Sir Ray Davis.
Sir Ray Davis.
Sir Ray Davis. – (c) EPA (GEORGIOS KEFALAS)

Sind Sie ein Beatle oder ein Mädchen?“, wurde Kinks-Chef Ray Davies im Juni 1965 am Kennedy Airport in New York von einem Beamten gefragt. Erstere Antwort wäre der Wahrheit nahe gekommen, waren doch die Kinks die neben den Beatles englischste aller britischen Bands der Sechzigerjahre. Doch Davies erklärte lieber, dass er und sein Bruder Mädchen seien. Nur dank des beherzten Einschreitens seines Managers durften die Kinks überhaupt zu ihrer ersten US-Tournee einreisen. Die war dann so tumultös, dass ihnen für vier Jahre die Wiedereinreise verwehrt wurde.

Das hielt sie davon ab, Teil der British Invasion zu sein, die damals über Amerika kam; und es begünstigte vielleicht, dass sich Ray Davies in seinen Texten intensiv mit der englischen Lebensart befasste. Als empathischer Beobachter der kleinbürgerlichen Sorgen und proletarischen Freuden seiner Umgebung schrieb er Klassiker wie „Waterloo Station“, „Sunny Afternoon“ und „Autumn Almanac“. Mit Konzeptalben wie „The Kinks Are The Village Green Preservation Society“ und „Arthur Or The Decline And Fall Of The British Empire“ griff er auf die Tradition der Music Hall zurück, einer proletarischen Unterhaltungsform aus der viktorianischen Zeit.

 

Angeschossen in New Orleans

Nachfolgenden Brit-Pop-Generationen galt Davies als Säulenheiliger; Prince Charles ernannte ihn heuer im März sogar zum Sir. So mag es paradox anmuten, dass Ray Davies sowohl sein aktuelles Album als auch seine bereits 2013 erschienene Autobiografie „Americana“ betitelt hat. In dieser erinnert er sich nicht nur an den Bannfluch in den Sechzigerjahren – der dazu beigetragen hat, dass die Kinks kommerziell nie so erfolgreich waren, wie sie es verdient hätten –, sondern auch an andere negative Episoden. 2004 wurde er in New Orleans sogar beraubt und niedergeschossen. Er wachte mit einem rosa Bändchen am Handgelenk im Spital auf, auf dem „Unknown Person“ stand, umgeben von gesellschaftlichen Außenseitern, auch Kriminellen, mit denen er sich, sobald die Schmerzen erträglich waren, unterhielt. Bald geisterten Motive für Songs in seinem Kopf, ohne dass er sie zu Papier bringen konnte. Just in dieser misslichen Lage spürte er wieder seine alte Liebe zu Amerika, die in den Fünfzigerjahren durch die Cowboy- und Indianer-Filme erstmals entflammt war.

Jazz, Skiffle, Folk, Blues und Country sollten folgen – und dem jungen Ray helfen, die Strenge der britischen Nachkriegszeit aufzulockern. In der Familie Davies passierte das ganz konkret, indem Rays Vater, wiewohl er sein Leben lang Großbritannien nicht verließ, die amerikanische Musizierart herzhaft adaptierte: Regelmäßig sang er in Arbeiterclubs vor Halbbetrunkenen. „Er war ein so leidenschaftlicher Sänger von Liedern eines Cab Calloway und Hoagy Carmichael, dass man glauben hätte können, er stamme direkt von den Ufern des Mississippi. Dazu tanzte er mit der rhythmischen Eleganz eines Watussi-Kriegers.“

Die Verheißungen der amerikanischen Musik befeuerten im jungen Ray Davies romantische Vorstellungen vom großen Land. Die bei diversen US-Tourneen – bei denen das Hippie-Publikum auch wenig Verständnis für seine feine Ironie zeigte – enttäuscht wurden.

 

„Always a very special place“

„I had this dream, America was always a very special place“, singt Davies in „The Great Highway“: „Heroes of the great Wild West, Wild Bill Hickok and the rest, the romantic on a wreckless chase – till reality hit me in the face.“ Letztlich bleibt Davies natürlich seinem Traum trotzig treu: „Even if the dream goes wrong, I still stay for the last song“, singt er zu verspieltem Mandolinenklängen.

Die Alternative-Country-Band The Jawhawks machte einen ausgezeichneten Job: Muskulöse Riffs, federnde Grooves und – wo es nötig war – hohes Pathos zeichnen die 15 neuen Lieder aus. An manchen Stellen klingen sie tatsächlich wie die Kinks. Etwa in „The Deal“, wo sich Davies über den oberflächlich-materialistischen Lebensstil in L. A. lustig macht. „Now I'm full of self-belief, pretend to be somebody, while the credit's good.“

Auch die gesprochenen Passagen zwischen den Liedern gehen zu Herzen. Einmal murmelt er ein Epitaph an seinen amerikanischen Musikerfreund Alex Chilton, ein andermal singt er mit weher Stimme eine Zeile aus dem Kinks-Hit „All Day and All of the Night“. Wie stets bei Davies sind die resignativen Momente besonders schön. Nach dem Herunterbeten zeitgenössischer Polit-Losungen stößt er in „Change For Change“ zu einer bittersüßen Wahrheit vor: „I don't live life, life lives me. Always has. Always will be.“ Talent zum Optimismus hat er noch immer wenig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2017)

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