Inntöne: Die ewige Erneuerungskraft des Jazz

Das Festival in Diersbach überzeugte mit einer äußerst gelungenen Mischung aus jungen Milden und alten Wilden. Jazzmeia Horn begeisterte mit ihrem Debütalbum.

Jazzmeia Horn.
Jazzmeia Horn.
Jazzmeia Horn. – (c) Inntöne/Robert Feichtenschlager

„Ich fühl mich viel besser, als es mir eigentlich wirklich geht“, pflegt der 80-jährige Kirk Lightsey zu sagen. Das Resignative ist aber bloß eine Pose. Der Meisterpianist zeigt nämlich dasselbe juvenile Animo, wenn er mit jungen Damen schäkert, wie wenn er seine quecksilbrigen Linien am Klavier zaubert. Beim 32. Inntöne-Festival erzeugte er zum einen mit Don Moye, dem einstigen Rhythmuskönig des Art Ensemble of Chicago, und dem Bassisten Tibor Elekes veritable Magien, zum anderen fungierte er in der Kombo der 25-jährigen Sängerin Jazzmeia Horn als dezenter Sideman.

Die aus Dallas, Texas, gebürtige Horn stellte ihr heuer erschienenes Debütalbum „A Social Call“ vor, auf dem sie so rasant klingt wie eine wiedergeborene Betty Carter. Mit „Tight“ hatte sie sogar einen Klassiker von Carter im Repertoire, den sie makellos und mit ganz eigener Note sang. Als Opener hatte sie sich den Duke-Ellington-Klassiker „I Don't Get Around Much Anymore“ ausgesucht, den sie glockenhell intonierte und mit eleganten Scats veredelte. Bassist Wolfram Derschmidt setzte hier sublime Akzente. Noch viel intensiver waren aber Horns Balladeninterpretationen. „Body And Soul“ hat wahrscheinlich nur Billie Holiday intensiver gesungen.

 

Glühende Melodielinien

Auch auf die Veredelung von Bossa-Nova-Liedern wie Jobims „How Insensitive“ verstand sie sich bestens. Horn ist der beste Beweis für die permanente Erneuerungskraft des Jazz. Lieber mit dem Gestus der Ikonoklastik operierten die heimischen Powerbands Shake Stew und Kompost 3, die beide den alten Heustadl an die Kapazitätsgrenzen brachten.

Schön, dass heimische Formationen derzeit so populär sind. Das Promotorenpaar Mirja-Leena und Paul Zauner hat heuer abermals eine extrem gelungene Musikmischung zusammengestellt. Sublim Exotisches entboten Naissam Jalal & The Rhythms of Resistance, Brachiales das Blow Trio, Funkiges die Zhenya Strigalev Never Band. Der in London lebende Russe Strigalev spielte auf den Grooves des ehemaligen Zawinul-Bassisten Linley Marthe und des Pianisten Ivo Neame groß auf. Am imposantesten agierte der aus Chicago gebürtige, 90-jährige Gitarrist George Freeman. Er ist der Inbegriff dessen, was im Jazz „Stamina“, also Beharrungskraft genannt wird. Der 1927 geborene Freeman war viele Jahre seiner Karriere als Sideman von Größen wie Charlie Parker, Groove Holmes und Gene Ammons tätig.

Erst 1969 nahm er sein Debütalbum „Birth Sign“ auf, das in der Rare-Groove-Ära der späten Achtzigerjahre neu entdeckt wurde. Er überzeugte mit trockenen Grooves und glühenden Melodielinien. Unglaublich, wie er in seiner fortgeschrittenen Jugend derart giftige Sounds erzeugen kann. Ein besonderes Gustostückerl war der New-Orleans-Klassiker „St. James Infirmary“. Und plötzlich wurde der Sauwald zum Mississippidelta.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2017)

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