„Alles wurzelt in Woodstock“

Sie sprechen vom „Geist von 1969“ und sampeln Richie Havens' „Freedom“: Was ist los mit Portugal The Man? Der „Presse“ erklärten die Musiker aus Alaska, was sie bewegt.

Gar nicht apathisch? Portugal The Man, 2004 in Wasilla, Alaska, gegründet.
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Gar nicht apathisch? Portugal The Man, 2004 in Wasilla, Alaska, gegründet.
Gar nicht apathisch? Portugal The Man, 2004 in Wasilla, Alaska, gegründet. – (c) Warner

Es beginnt mit einem von leichten Störgeräuschen untermalten Sample. Leute schreien, skandieren Losungen, ehe die charismatische, wohl jedem Pophörer vom klassischen „Woodstock“-Album bekannte Stimme von Richie Havens einsetzt: „Freedom, Freedom, Freedom!“ Dann übernehmen modernes Instrumentarium und der Gastsänger Son Little. Er singt noch ein paar Zeilen des damals von Havens so stürmisch zur Friedenshymne umgewandelten alten Spirituals „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ mit ätzender Stimme nach, ehe er zu aktueller Befindlichkeit wechselt: Zu brüllenden Orgeln und einem Stakkatobeat erzählt er von der seltsamen Lust am Leiden, das viele der Jungen gepackt hat: „It's that sufferin', don't know why it brings such sweet memories.“

Ist die Jugend masochistisch? Oder zumindest apathisch? Zachary Carothers, Bassist der Band Portugal The Man, glaubt lieber an das Ende der Ära der politischen Apathie: „Am besten sieht man das an uns selbst“, erklärt er der „Presse“: „Wir haben zwischen 2013 und 2016 an einem Album gearbeitet, auf dem einige sehr gute Songs gewesen wären. Doch nachdem Donald Trump Präsident geworden war, klang das alles veraltet. Also haben wir uns zusammengesetzt, um von vorn zu beginnen.“

 

Erinnerung an eine Utopie

Das Cover des – recht rasch entstandenen – achten Albums von Portugal The Man zeigt nun einen brennenden Rolls Royce und heißt tatsächlich „Woodstock“. Ein belastetes Vokabel. Zunächst bezeichnete es ja nur ein Künstlerdorf und Hippierefugium nördlich von New York. Autor Barney Hoskyns erzählte jüngst in seinem Buch „Small Town Talk“, wie Bob Dylan, Janis Joplin, Van Morrison und The Band dort alternativ lebten und zeitlos Schönes schufen. Überlagert wird diese Erinnerung vom Festival, dass in Woodstock stattfinden hätte sollen, aber dann 30 Kilometer Richtung Süden verlegt wurde: Dichter Allen Ginsberg nannte es großmundig „planetarisches Ereignis“. Ins kollektive Gedächtnis hat es sich als größtes Popfestival aller Zeiten eingebrannt, obwohl nur vier Jahre später der „Summer Jam“ um ein gutes Drittel mehr Menschen lockte. Egal, 1969 war eine Jugend in ihrer Blüte, die nach Veränderung dürstete. Die Utopie blieb aber größtenteils im Stadium des Traums. Nicht einmal die Sehnsucht nach Frieden hat sich erfüllt. Die von Trump forcierten Rüstungsgeschäfte zeigen, dass man von Dialog weiter entfernt ist denn je. Und der Ausstieg aus dem Klimaabkommen fördert auch nicht gerade den Optimismus der Jungen.

Noch weniger, wenn diese wie Portugal The Man aus dem naturnahen Alaska stammen. Bassist Carothers schwellen beim Gedanken daran, dass Trump das von Vorgänger Obama erlassene Bohrverbot in Naturschutzgebieten kippen könnte, die Halsschlagadern bedrohlich an: „Wann, wenn nicht jetzt, müssen wir aktiv werden?“ Leadsänger John Gourley, sein Bruder im Zorn, sekundiert: „Alles, was uns gesellschaftspolitisch und ästhetisch bewegt, wurzelt in Woodstock. Der Geist von 1969 spiegelt sich genauso in der Musik von Nirvana wie in jener der Hiphop-Truppe Wu-Tang Clan.“

 

„Feeling it since 1966“

In ihrem neu entdeckten Furor glückte den für ihre versponnene Art verehrten Portugal The Man überraschend ein richtiger Hit. „Feel It Still“, ein mit leidenschaftlichem Falsett gesungenes Stück Beatpop, das eine Hommage an den Komiker und Sozialkritiker George Carlin ist, der schon 1972 gegen die Zwanghaftigkeiten derer ätzte, die Political Correctness auf ihre Fahnen geschrieben haben. Portugal The Man feiern seine Unbeugsamkeit: „I'm a rebel just for kicks, now I've been feeling it since 1966, might be over now, but I feel it still.“ Das Bassspiel von Carothers klingt hier wie der legendäre Knackbass von Ladi Geisler, der in den Sechzigerjahren die Bert-Kaempfert-Aufnahmen zum Schwingen brachte. Dazu verspielte Keyboardmotive und Gourleys heißer Falsettgesang, und fertig war der globale Radiohit.

Angeleitet von Starproduzent Danger Mouse und dem Beastie-Boy Mike D. haben Portugal The Man auf „Woodstock“ ein neues Höchstlevel an Sophistication erreicht. Sie klingen verspielt wie nie, vergaßen aber gleichzeitig nicht, den Liedern den nötigen Drall zu verpassen. Abseits der großen sozialpolitischen Geste blieb noch genug Raum für mit komplexen Akkordstrukturen gewürzte Songs wie „Easy Tiger“. In aller ihrer neuen Soundelastizität vergaßen Portugal The Man nicht auf Tanzbares. „Rich Friends“ ist zwar nicht gerade „four to the floor“, bringt aber die Hüften doch ins Rotieren. „Let me be your sunshine in all this gloom and doom“, lautet hier die Losung. Trotz aller sozialen und politischen Bewusstheiten – am Ende obsiegt dann doch der juvenile Hedonismus . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2017)

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