Mit Walkman, Tinte und Papier

Einst führte Philipp Poisel Tagebuch mit dem Kassettenrekorder. Bis heute schätzt der Grönemeyer-Schützling Analoges – und seine Unabhängigkeit.

Philipp Poisel im Amerika, das schon seine Kindheits-Helden inspirierte.
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Philipp Poisel im Amerika, das schon seine Kindheits-Helden inspirierte.
Philipp Poisel im Amerika, das schon seine Kindheits-Helden inspirierte. – (c) Christoph Köstlin

Dem einen gefiel nicht, wie er sang, dem anderen, dass er dabei die Augen zuhat, er solle anfangs lieber nur Duette mit anderen Künstlern singen, und auch seinen Namen wollte man ändern: Philipp Poisel sei verwirrend, wenn schon, solle der ganze Name französisch klingen, ergo brauche sein Vorname am Ende noch ein e.

Das war der Punkt, an dem Poisel – gebrieft, beim Kennenlernen mit den Plattenbossen besser zu schweigen – nicht mehr still sein konnte. „Mach dein e selber dran“, beschied er. „Die hatten schon ein Bild im Kopf. In das hab ich halt nicht reingepasst.“ Poisel („man kann den Namen französisch aussprechen, es gibt da Vorfahren“) sah die Sache gelassen. „Ich dachte, dann wird's halt nichts. Meine Schwester ist neun Jahre älter, meine Eltern dachten nicht, dass ich noch komme. Ich glaube, diese Entspanntheit hab ich mir bewahrt. Ich denke, ich kann auch mit etwas anderem glücklich sein. Es muss nicht Musik sein.“

Vor den Plattenchefs hatten schon andere an ihm gezweifelt. Da war der Kinderchor, in dem man ihm erklärte, nicht gut genug zu sein. „Im Chor zu singen bedeutete für mich, mit Leuten zusammen etwas zu tun, was man gerne macht. Dass ich da störe, dass ich nicht da sein sollte, war eine krasse Erfahrung für mich. Das wollte ich nie wieder erleben.“ Zu Hilfe kam ihm damals sein Kassettenrekorder. „Um mich selbst aufzunehmen. Ich wollte wissen: Hat die Chorleiterin recht?“ Ohnehin fungierte sein Rekorder „als Musiktagebuch. Da konnte ich träumen und Stress abbauen und mich selbst wahrnehmen. Da hab ich im wahrsten Sinn ein Selbstbewusstsein gekriegt.“ Bis heute ist der 34-Jährige, „man darf es ja niemandem sagen“, mit Walkman unterwegs, nimmt zu Hause auch auf Kassetten auf. „Nicht, weil ich Computer verteufle, aber ich brauch' manchmal Abstand zu diesem Digitalen. Das tut mir irgendwie gut.“

Als Kind wollte Poisel dabei Comiczeichner werden, später Lehrer, allein, er fiel bei der Aufnahmsprüfung durch. „Im Notenlesen, aber ich weiß bis heute nicht, woran es gescheitert ist. Ich hab auch nicht gecheckt, warum denen so egal ist, warum ich Lehrer werden will. Natürlich ist fachliche Kompetenz wichtig, aber dass nichts anderes gezählt hat, war mir ein Rätsel.“ Er selbst hatte da schon Jugendlager, sogenannte Freizeiten, geleitet. „Da gab es auch Jugendliche, die sagten, sie seien nicht musikalisch. Aber wir haben coole Sachen auf die Beine gestellt.“

Er selbst hat im Frühjahr übrigens – nach sieben Jahren – sein drittes Album herausgebracht, spielt vor Tausenden Leuten (heute, Donnerstag, etwa im Grazer Orpheum, am Freitag im Linzer Brucknerhaus). Fans lieben Lieder wie „Erklär mir die Liebe“ oder „Wie soll ein Mensch das ertragen“. Wer sich an Herbert Grönemeyer erinnert fühlen mag: Den hatte Poisels Manager auch angeschrieben, er tauchte mit seiner Tochter dann bei einem Konzert in der Berliner Kopierbar auf, „ein verrücktes Konzert“, erinnert sich Poisel, alles ziemlich improvisiert. Seither bringt Grönemeyer Poisels Arbeit auf seinem Label Grönland heraus.

 

Das Amerika seiner Kindheit

Das neue Album, „Mein Amerika“, wurde ebendort aufgenommen, Poisel stieg dafür zum ersten Mal ins Flugzeug in Richtung USA, „der größte Moment“ seiner bisherigen Karriere. Aufgenommen in Nashville, beschwören die Songs das Amerika seiner Kindheit. Der Sound von „Zum ersten Mal Nintendo“ etwa sei eine Reminiszenz an seine Jugend „und das, was damals im Radio kam“. Kings of Leon, Synthesizersachen, Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“, Police „und Sachen, von denen ich heute gar nicht weiß, wie sie heißen. Damals gab es halt keine Playlists und kein Shazam“.

Das Video dazu spielt auf dem höchst wichtigen Schäferfest seiner schwäbischen Heimatstadt, Markgröningen. Ein 15.000-Einwohner-Ort bei Stuttgart, in dem er als Sohn Münchner Eltern „nie richtig dazugehört“ hat. „Andererseits bin ich dort aufgewachsen, deshalb melde ich auch einen Anspruch an.“ Anders als für viele Alterskollegen sei für ihn aber stets klar gewesen, dass er ausbrechen würde, um auch etwas anderes zu sehen.

Auf seinem Wien-Besuch fühlt er sich etwa spontan vom Schreibtisch des Zimmers im Hotel Altstadt inspiriert. „Es hat so etwas Romantisches hier. Und ich schreibe meine Lieder ja auch nicht am Computer, sondern mit Tinte und Papier.“

ZUR PERSON

Philipp Poisel (34) wuchs im schwäbischen Markgröningen auf. Schon als Kind begann er zu singen, spielte Schlagzeug und Gitarre. 2008 nahm ihn Herbert Grönemeyer bei Grönland Records unter Vertrag. 2008 erschien sein Debütalbum „Wo fängt dein Himmel an?“, 2010 folgte sein zweites Studioalbum „Bis nach Toulouse“. „Mein Amerika“ stieg im Frühjahr 2017 auf Platz eins der deutschen Albumcharts ein, in Österreich auf Platz sechs. Derzeit ist Poisel auf Tour, heute, Donnerstag, spielt er in Graz, am Freitag im Linzer Brucknerhaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2017)

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