Benjamin Biolay: Retter des Chansons

Benjamin Biolay, französischer Chansonnier und Popkünstler, extrahiert auf seinem neuen Album ein musikalisches Meisterwerk aus einer veritablen Lebenskrise.

Benjamin Biolay
Benjamin Biolay
(c) Lotus Records

Was musste dieser junge Mann nicht schon leiden! Seine Mama schickte ihn als Kind immer in sein Zimmer, sobald eine Kussszene über den TV- Bildschirm flimmerte. Als er sich dann mit 14, 15 Jahren an seine ersten Versuche an Mädels machte, wurde sie gar rabiat und schrie ihn an. 

Arbeiterklasseverhältnisse eben, in denen man darauf achtet, dass sich niemand fortpflanzt, bevor er nicht einen ordentlichen Beruf ergriffen hat. Die gestrenge Frau Mama sorgte auch dafür, dass der Filius schon in ganz jungen Jahren zu Geige, Tuba und Posaune griff. „Obwohl wir heute in einem Softporno zu leben scheinen, sind wir sexuell gesehen sehr unfrei. Sex ist die beste Rebellion, ja sogar eine Waffe für mich“, meinte der 1973 in Ville­franche-sur-Saone bei Lyon geborene Musiker kürzlich gar.

Dennoch ging er seinen künstlerischen Weg konsequent. Er studierte am Konservatorium in Lyon, gründete Anfang der Neunziger die Rockband Mateo Gallion und begann ab 1996 seine prachtvolle Solokarriere, in deren Verlauf er neben seinen großartigen eigenen Alben auch viel Zeit mit anderen Künstlern verbrachte. Biolay schrieb und produzierte so unterschiedliche Künstler wie Keren Ann, Coralie Clément (seine Schwester!), Carla Bruni, Françoise Hardy, Juliette Gréco, Julien Clerc und last but not least Henri Salvador, den großen alten Mann des Chansons, dem er mit „Chambre Avec Vue“ einen großen Hit bescherte. All dieser Erfolg brachte weiteren Kummer. Biolay wurde als „Retter des Chansons“ apostrophiert und ständig mit Serge Gainsbourg verglichen.

Catherine Deneuves Exschwiegersohn. Ein Vergleich, der tatsächlich hinkt. Während Gainsbourg mit seinem extrem zerknitterten Äußeren die schönsten Frauen seiner Zeit verführte, zählt Biolay zum Typ attraktiv verwuschelter Feschak, dessen Magnetismus auf Frauen wohl eher der Ebenmäßigkeit seines Gesichts als der Abenteuerlichkeit seines Denkens geschuldet ist.  ­Biolays Lieder sind anders als die Chansons eines Serge Gainsbourg frei von Zynismus. Und doch gibt es Parallelen zwischen den beiden. 

Den einwandfrei nachvollziehbaren Einfluss des anglosächsischen Pop auf beider Werk und einen ziemlich konsequenten Hang zu Substanzmissbrauch und erotischer Ausschweifung. Biolays Tage als Schwiegersohn von Catherine Deneuve waren eigentlich von Beginn an gezählt. Eine simple Frau-Mann-Kind-Beziehung war letztlich nicht einmal mit Chiara Mastroianni, der gemeinsamen Tochter von Marcello Mastroianni und der Deneuve, möglich. Was bleibt, ist ein schönes gemeinsames Album („Home“) und eine noch schönere gemeinsame Tochter („Stella“).

Ein superbes Opus magnum. Nach dem für manche überraschend schnell gekommenen Ende seiner Ehe sammelte Biolay die Scherben seines Gefühlslebens ein und edierte sein bisheriges Opus magnum. Es heißt „La Superbe“ und präsentiert 22 wunderbar vielfältig tönende Lieder, die gleichermaßen im Chanson wie im orchestral aufgebauschten Britpop von Bands wie XTC, New Order, Joy Division und The Smiths verwurzelt ist. Nicht weniger als 56 Songs hat er für dieses grandiose Doppelalbum geschrieben, diese dann auf 22 Sehnsuchtsvignetten eingedampft. Zudem wechselte er vom Major EMI zum Independent Label Naive.

Ja, so eine Trennung, die macht kreativ. Und so überschwänglich melancholisch. Mit viel Würde und manchem Augenzwinkern trinkt der 36-Jährige den Kelch seiner Leiden bis zur Neige. Dazu seufzen die Geigen, zwitschern die Keyboards und Saxofone, schmeicheln die Gitarren. 95 Minuten lang wirbt Biolay um die neue, noch imaginäre Liebe. Er vertonte Liebesbriefe wie „15 Aout“ und „15 Septembre“ oder einen an einer Kühlschrankwand abgehaltenen Dialog zwischen Mann und Frau via Post-its mit dem Titel „Brandt Rhapsodie“, die er gemeinsam mit der ausdrucksstarken Flüsterin Jeanne Cherhal präsentiert.
„Prenons Le Large“ und „L´Espoire Fair Vivre“ sind Popjuwelen internationalen Zuschnitts. Des Weiteren streift er gekonnt Reggae, Synthie-Dancefloor, Tango (Sample von Carlos Gardel!) und sogar den weltverlorenen Existenzialistenjazz eines Chet Baker.

Selbstbespitzelung.
„Persönlich“ sei sein neues Album, aber keineswegs autobiografisch. Hübscher Distanzierungsversuch, der allerdings nicht durchgeht. Aus sämtlichen Liedern spricht das Sein dieses so talentierten Künstlers, der den zwischenmenschlichen Herausforderungen tapfer und zeitweilig mit Humor begegnet. Besonders geglückt sind seine literarisierten Selbstbespitzelunen im robusten „Miss Catastrophe“ wie auch im fragilen, sich aus einem Pendeluhrrhythmus entfaltenden Melancholikermanifests „Tout Ça Me ­Tourmente“. „La Superbe“, Biolays fünftes Album, funktioniert wie das „White Album“ der Beatles. 

Sämtliche Songs unterscheiden sich fundamental voneinander und dennoch ist es nach wenigen Tönen klar, dass das nur Biolay sein kann. Nie lässt er sich von ­einer Ästhetik des Verderbens niederdrücken, fast immer versteht er es, erschütternden Befunden einen unbeschwerten Groove beizugesellen. Er scheint zu wissen: Man muss sich freuen, so lange noch Zeit ist. Egal, wie die Umstände sind.

TIPP

La Superbe von Benjamin Biolay (Lotus Records), www.benjaminbiolay.com


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