Britische Moritaten: Batzweiche Lieder übers harte Pflaster von Soho

Prostituierte im Himmel, Knochen im Kanal: Auf ihrem neuen Album führen die Tiger Lillies durch die Gegenwelt des einst sehr wilden Londoner Stadtteils Soho. Im Wiener Porgy & Bess gefielen die schrillen Narreteien – aber noch mehr die dunklen Szenarien.

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„Tally-Ho“ rief man bei der Fuchsjagd. Bei der Hasenjagd hieß es hingegen „So-Ho“. So kam es, dass die wenig besiedelte Gstättn südöstlich von der Kirche St. Giles-In-the-Fields 1636 nach dem Jagdruf Soho benannt wurde. Eine wilde Gegend war sie noch bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ spielte dort, auch wüste Pop- und Rockmusik verbrachte ihre Kindertage in Soho. So im Marquee Club in der Wardour Street, wo die Rolling Stones und die Yardbirds bis dahin ungehörte Klänge durch die Lautsprecher hetzten. Auch in Jazzkellern wurde progressiv gefeiert. Und die Straßen waren weiterhin Jagdgebiet: Soho war lange Zeit Londons Zentrum punkto Rotlichtmilieu, Erotikshops, Schwulen. und Lesbenbars. In zahlreichen Popsongs wird der Bezirk genannt, in „Lola“ etwa, dem Kinks-Hit von 1970, in dem der Transvestit, der „wie eine Frau ging, aber wie ein Mann sprach“, sich in einer Bar in Nord-Soho herumtreibt. Die irischen Pogues schwärmten 1986 von einer „Rainy Night in Soho“.

Ein Konzeptalbum über das einst so harte Pflaster gab's bislang aber noch nicht. Dies Aufgabe haben nun die Tiger Lillies brillant umgesetzt. Mit „Cold Night in Soho“ präsentiert ihr Gründer, Komponist und Sänger Martyn Jacques, der zehn Jahre lang in der Rupert Street gelebt hat, eine beeindruckende Milieustudie, die elegant zwischen Empathie und Zynismus pendelt.

Im Porgy & Bess begann das furchterregend geschminkte Trio mit dem maliziösen „Salvation Army“, das von einem verkehrten Himmel kündet: Nach Aufnahme von Prostituierten und Drogendealern aus Soho kommt es zu ungeheuerlichen Vorgängen. Mit ihrem üblichen Instrumentarium aus Ziehharmonika, Kontrabass, selbst gebauter Ukulele, Trommeln, Klavier und Theremin erschuf das Trio eine keine Sekunde mit den Noten urassende Klangwelt, die Jacques Falsettgesang ideal unterstützte, zuweilen auch konterkarierte. Nicht immer war die Ironie so leicht erkennbar wie bei „Heroin“, wo Jacques einem, der unbedingt berühmt werden möchte, zum Rauschgift rät: „If you want to win, you must take heroin. You got to be tragic, if you want to be magic.“

 

Im Titelsong wird Tiger Lily ermordet

Bei aller Verherrlichung von Ungemach und Sünde kam die Melancholie im beängstigend vollen Porgy & Bess nicht zu kurz. „We're washed away, we hear the ticking of the hours“, lamentierte Jacques über das unerbittliche Verfließen unserer Lebenszeit. In „Screwed Blues“ türmten sich die existenziellen Erschwernisse. „I ain't got no employment, ain't got no job too, and I owe lots of money, got a drug problem too.“ In bewährter Theatralik endet diese moderne Moritat im Kanal: „They leave my bag of bones there in the gutter by the train.“

Entschieden fröhlicher ging es in „Go!“ zu, in dem Gott munter Menschen vom Leben abberuft, die sich vergeblich einen Reim draus machen wollen. Gegen derlei Ausgeliefertheit hilft nur Alkohol: In „Let's Drink“ wurde erklärt, warum man eigentlich jeden Tag dicht sein sollte. Sehr intensiv war „Cold Night In Soho“, das vom Mord an einer Prostituierten berichtete, die Jacques kannte. Tiger Lily hieß sie, nach ihr nannte Jacques seine Band.

Zum blasphemischen „Banging In The Nails (13 Jesuses)“ hüpfte der seit kurzer Zeit in Wien (Große Neugasse 18) als Galerist ansässige britische Exzentriker Nick Treadwell in rosa Windelhose und mit rosa Dornenkreuz aus den Kulissen. Dass er soeben seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, sah man ihm nicht an: Narretei hält jung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2017)

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