1000 Felle für Pocahontas Liebe

Die von Neil Young solo aufgenommene Liedersammlung "Hitchhiker" lag 41 Jahre lang in den Archiven. Jetzt wurde dieses Juwel, magisch und zeitlos, veröffentlicht.

Neil Young interessieren zwar, wie jeden Künstler, seine aktuellen Lieder mehr, gibt er an. Aber in seinem Archiv scheint noch einiges vorhanden zu sein.
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Neil Young interessieren zwar, wie jeden Künstler, seine aktuellen Lieder mehr, gibt er an. Aber in seinem Archiv scheint noch einiges vorhanden zu sein.
Neil Young interessieren zwar, wie jeden Künstler, seine aktuellen Lieder mehr, gibt er an. Aber in seinem Archiv scheint noch einiges vorhanden zu sein. – (c) Warner Music

Neil Young, das sind eigentlich zwei Künstler. Der Zeitlupen-Rocker, der mit Hilfe der sinistren Macht von Gitarrenfeedbacks sogar Musikrevolutionen wie Punk letztlich pulverisiert hat. Und dann der fistelstimmige Hippieballadeur, der in einem Ozean von Kummer schwimmt und über das Diabolische menschlicher Beziehungen räsoniert. „Hitchhiker“, das nun nach 41 Jahren des geduldigen Abliegens im Archiv veröffentlichte Album zeigt ihn von seiner ruhigen Seite. Die Fragilität dieser 1976 solo zu Gitarre oder Klavier eingespielten Lieder fasziniert. Viele davon kamen später in neuen Versionen heraus, eindeutig aufwühlender sind allerdings die ursprünglichen Aufnahmen. Der damals ersonnene Flow, der Fluss der Lieder, ist unerreicht.

Der Opener von „Hitchhiker“ ist die offiziell 1979 auf „Rust Never Sleeps“ veröffentlichte Ode auf das Indianermädchen Pocahontas, die ihren erotischen Zauber in bluttriefenden Metaphern versprüht. Sie ist Überlebende eines Massakers. Der Ich-Erzähler träumt davon, ihr näherzukommen. „I wish I was a trapper, I would give a thousand pelts, to sleep with Pocahontas and find out how she felt.“ Gegen Ende wird es surreal. Da kommen Pocahontas, Ich-Erzähler und Marlon Brando in einem Stadion namens Astrodome zusammen und sprechen über die Traumfabrik Hollywood. Elegant wechselt Young hier Erzählebenen, zeigt wie der Eros alles Grauen zu überwinden in der Lage ist.

Als nächstes Lied folgt die hauchzarte Siedlerballade „Powderfinger“, die später als massiver Rocksong veröffentlicht wurde. „Daddy's rifle in my hand felt reassuring“ freut sich der jugendliche Held darin. Am Ende ist der Bursche tot. Seine letzte Bitte lautet: „Remember me to my love, I know I'll miss her.“ Young führt auch in weiteren Liedern, etwa „Captain Kennedy“ und „Human Highway“ in archaische Bildwelten. Besonders eindringlich ist die Titelnummer „Hitchhiker“. Sie erzählt davon, wie ein junger Mann, offenbar Young selbst, allerlei Drogen ausprobiert. „Then came paranoia and it ran away with me. I couldn't sign my autograph or appear on TV.“ Schmerz und Schrecken verwandeln sich hier in seltsame Schönheit.

 

Herrlich naive Bilder

Trotz vieler heute als legendär angesehener Alben wie „After The Goldrush“ und „Harvest“ war Young damals alles andere als abgesichert. Vielleicht rühren Magie und Zeitlosigkeit der Lieder jener Jahre daher, dass er in ihnen die Ungeborgenheit des Menschen in herrlich naiven Bildern reflektiert. Heute verfügt Young über eine wunderbar gepolsterte Existenz. Die Schauspielerin Daryl Hannah dient ihm als neue Gefährtin, eine Fülle von Oldtimer-Autos und sein ganz persönlicher Krieg gegen Apple mit Hilfe seines eigenen Soundsystems PonoPlayer lassen ihn die eigene Hinfälligkeit ganz gut vergessen.

Immer noch macht er schöne Alben, aber nichts davon kann sich mit dem Output der Siebzigerjahre messen. Nicht weniger als neun geplante Studioalben hat er damals im Orkus belassen. Nach und nach sickern die Informationen dazu durch. Geplant waren Liederzyklen, die so klingende Namen wie „Odeon-Budokan“, „Chrome Dreams“, „Time Square“ und „Toast“ trugen. Der Verdacht, dass da noch mehr unveröffentlichtes Liedgut im Studio vor sich hin gammelt, ist berechtigt. Was Archivierungs- und Ordnungswut anlangt, ist Neil Young allen anderen überlegen. Die Hoffnung auf mehr lebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2017)

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