Zerrissene Songs von Londons Rändern

Arena Wien. Soundtrack zur aufsässigen Lümmelei: King Krule wurde für seine wüsten Klänge bejubelt.

Jugendlicher Protest gegen Leistungsorientiertheit hat immer Saison im Pop. Etwa beim 23-jährigen Londoner Archy Marshall alias King Krule: Er hat auf seinen bislang zwei Alben so etwas wie den Soundtrack zur aufsässigen Lümmelei eingespielt. Viele seiner Stücke versanden kunstvoll, bevor sie zu eingängig und zu konventionell werden. Der Liedform misstraut er offenbar. Inspiriert durch die Südlondoner Grime-Szene arbeitet er lieber mit klanglichen Kontrasten.

Die vegetieren dann so unversöhnlich herum wie an den Rändern der Großstädte angesammelte Sozialfälle. In King Krules Musik stehen urbane Rhythmen unvermittelt neben sirupsüßen Saxofonklängen, sphärischen Synthieschwaden und einem Gesang, der alle Register von Urschrei bis Flüstern zieht. Das passt gut, schließlich inspirieren King Krule just die existenziell heiklen Momente. Etwa im schönen „Little Wild“, das ein postalkoholisches Aufwachen neben einem Mädchen, das dem Protagonisten in jeder Hinsicht fremd ist, schildert. „She might pretend to be in love“, fürchtet der Bursche und plant die unauffällige Flucht: „Girl I was never there, laying fully clothed while you lay bare.“ So kühl er hier den Maulhelden gab, so brennend floß der ganze Jammer ins warme Gitarrenspiel. Hörte man genau auf die Stimme, so war hinter der Frostigkeit ein wenig Zärtlichkeit zu vernehmen. Perfekt für die Ambivalenz der Liebe.

Immer wieder changierte King Krules Gesang zwischen den Extremen. Bald klang er brutal, bald schnurrte er wie ein verkühlter Kater. „I've hit rock bottom, ooh now I'm running away“ rotzte er bei „Rock Bottom“ ins Mikrofon, einem der wenigen Stücke, die als Songs zu identifizieren waren. Viel hatte die Anmutung von Sessions à la Soft Machine, manch wütender Ausbruch erinnerte an den großen britischen Exzentriker Kevin Coyne. Wo dieser auf Mitmenschlichkeit setzte, bleibt bei King Krule aber eine Leerstelle sozialer Indifferenz. „My mind starts to derange, distortion to rage, as sight lost its range.“ Selbst der gespenstische Tunnelblick ins eigene Ego ist von seltsamer Distanz beherrscht, etwa in „(A Slide In) New Drugs“ und „Half Man, Half Shark“. Und im jazzigen „Dum Surfer“ wundert er sich über eine Slowakin, die mit ihm in dem Taxi sitzt, aus dessen Fenster er gerade aufs Trottoir speibt . . .

Derlei wüste Szenarien, die Krule in dazugehöriger Dichterpose entwirft, stoßen im heimatliche Großbritannien auf Kritik. Dort wirft man ihm vor, dass er ein paar Jahre in der Popausbildungsstätte Brit School zugebracht hat. Der Guardian nannte ihn maliziös „The lonesome poet of the benefit-capped generation.“ In Wien aber war der Jubel groß. Nicht zuletzt dank griffiger Songs wie „Easy Easy“ und „Baby Blue“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2018)

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