"Der kleine, graue Tschekist Putin": Pussy Riot in der Wiener Arena

Ein Hörspiel des Aufbegehrens: Mascha Alechina trug zu dramatischer Musik aus ihrem Buch "Riot Days" vor. Resümee des Abends: Punk passt auch im Ernstfall.

Marija Wladimirowna Aljochina
Marija Wladimirowna Aljochina
Marija Wladimirowna Aljochina – APA/EXPA/MICHAEL GRUBER

„Der Sommer war vorbei. Es wurde immer früher dunkel. Putin gab bekannt, er wolle zum dritten Mal kandidieren.“ So, mit dem Winter 2011, beginnt „Riot Days“, das Buch von Mascha Alechina, einem Mitglied von Pussy Riot. Am 21. Februar 2012 war sie beim „Punk-Gebet“ gegen Putin in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau dabei, sie wurde am 17. August 2012 wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ verurteilt, verbrachte zwei Jahre in Lagerhaft, teils in Einzelhaft. „Es war richtig, dass das Gericht dieses Urteil gefällt hat“, sagte Putin: „Moralische Grundlagen darf man nicht untergraben und damit das Land zerstören.“

In diesen Tagen – der Winter ist fast vorbei, es wird immer früher hell, Putin kandidiert zum vierten Mal – ist Mascha Alechina auf Tournee durch Europa, am Freitag abend war sie in der Arena Wien. Klein, zart, ein Kreuz um den Hals, im schwarzen Kleid, trug sie im rhythmischen Sprechgesang aus ihrem Buch vor, ein Schauspieler mit nacktem Oberkörper ergänzte die Sätze bald, formte sie sie bald als Parolen („Gottesmutter, Jungfrau, werde Feministin!“, „Die Gitarre – ein unorthodoxes Instrument“, „Regel eins: Einen Anwalt finden!“), skandierte, schrie.

Bilder von den Lagern, Rufe an Maria

Mit den heftigen Beats und dem unheilvoll dramatischen Saxofon des Duos Awott entstand so ein fesselndes, bisweilen quasi-liturgisch anmutendes Hörspiel des Aufbegehrens gegen ein autoritäres, mit der Kirche verbündetes Regime: die so kraft- wie kunstvolle Erzählung über einen Versuch, die Geschichte zumindest ein klein wenig umzuschreiben. Teils offensiv („der kleine, graue Tschekist Putin“), teils thesenhaft („Wir haben das Recht, nein zu sagen“), teils humorvoll („Wir aßen, was Gott uns gab, meistens gab er Nudeln“). Dazu Videos von den Pussy-Riot-Aktionen, vom Roten Platz, von den Lagern: kahler Beton im kalten Winter. Nein, dachte man sich, das ist keine Punk-Ästhetik, das ist real, diese Frau war wirklich hinter diesen Mauern. Natürlich setzte sie einmal auch die berühmte Wollmütze mit Augenlöchern auf. Auffallend war, wie wichtig im Anti-Sermon von Pussy Riot die christliche Religion ist: Nicht nur die Madonna wird immer wieder angerufen, auch ihre schillernde Namensvetterin: „Die Feministin Magdalena geht demonstrieren!“

Vorband Schapka: Edles Antivirtuosentum

Auf Putinversteher hatte man jedenfalls keine Lust nach diesem Auftritt. Und man grübelte: War das Punk? Passt es zum – bitte um Verzeihung für das böse Wort: herzigen – Punk der österreichischen Vorband namens Schapka (russisch für Mütze, die cyrilllischen Buchstaben sehen aus wie "Wanka", was wohl nicht unbeabsichtigt ist), die ihr Album „Wir sind Propaganda“ nennt und - rhythmisch nicht immer ganz sicher, aber mit dem edlen Pathos des Antivirtuosentums - gegen die Mühsal der Fahrschule und für Anerkennung von Sexarbeit singt?

Ja, es passt. Der aufsässige Gestus des Punk funktioniert über vier Jahrzehnte nach seiner Erfindung ganz offenbar genauso gegen ein böse unterdrückerisches System wie gegen Unbehagen in einer im Großen und Ganzen liberalen und toleranten Kultur. (Bei Schapka standen Eltern und deren Freunde stolz im Publikum.) Dass seine Ästhetik so flexibel ist, spricht nicht gegen, sondern für sie. Die rebellische Pose hat nicht nur unter unerträglichen Bedingungen, sondern auch im ambivalenten Alltag ihren Reiz, ihre Berechtigung. Im Grunde war das ja schon von Anfang des Punk an so: Oder glaubt jemand wirklich, dass der „White Riot“, zu dem The Clash 1977 aufriefen, ein so akutes, so ernstes gesellschaftspolitisches Anliegen war wie der Aufstand, den Pussy Riot forderten? In diesem Sinn ist der Satz auf den am Merchandise-Stand verkauften T-Shirts – „Everybody can be Pussy Riot“ – nicht anmaßend, sondern empathisch. Und, pathetisch gesagt, ein Aufruf zur Wachsamkeit. „Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft“, sagte Mascha Alechina zum Schluss. Das ist sozusagen die Antithese zur Hippie-Definition: Freiheit ist, wenn man noch etwas zu verlieren hat.

Musik gab es an diesem Abend übrigens auch im kleineren „Dreiraum“ der Arena: The Garden traten auf. Frage an die dort anwesende FM4-Kollegin: Was hat denn diese Band gespielt? Antwort: „Hipster-Punk.“ Abschließender Besuch im Arenabeisel: Dort ist es laut und verraucht wie eh und je, es sitzen dieselben Menschen herum wie vor 40 Jahren. Oder ihre Kinder. Punk rules, okay. So und so.

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