Pop

Gasometer: Franz Ferdinand suchen Himmel und Hörer

Die schottische Band entzückte im Wiener Gasometer mit Eleganz, Klugheit und unwiderstehlichen Grooves.

Von der Etabliertheit in eine späte Aufbruchsphase: Franz Ferdinand auf Tour.
Von der Etabliertheit in eine späte Aufbruchsphase: Franz Ferdinand auf Tour.
Von der Etabliertheit in eine späte Aufbruchsphase: Franz Ferdinand auf Tour. – imago/Martin Müller

Put your ladder down“, empfahl Alex Kapranos, die hellblonde Heulboje von Franz Ferdinand, gleich zu Beginn ihres Konzerts in Wien. Die religiöse Idee eines symbolischen Dauerkontakts mit dem Firmament wurde in diesem Song, in dem die Erdanziehung aufgehoben ist, quasi Praxis. „Cirrus caress you“, lockte Kapranos. Und „Cumulus“ küsst angeblich sogar. Hoch oben regnet es keine Tropfen, da macht man sich mit Kristallen nass. Man gibt ja umso lieber den Verlockungen des Himmels nach, je schwieriger die Daseinsgestaltung auf der Erde ist. „Always and always and always ascending“, versprach Kapranos denn auch.

Diese Bilder vom Aufsteigen in einen hohen Himmel waren wohl auch eine Chiffre für den hippen französischen Dancefloor-Sound, den Franz Ferdinand nun für sich auserkoren haben. Schon in ihrer Anfangszeit zu Beginn der Nullerjahre klangen sie gescheiter als das Gros der Gitarrenbands. Dank des damaligen Leadgitarristen, Nick McCarthy, blubberten, zischten und kreissägten sie pointierter als der Rest der Meute.

Die Gebote des Bauches

Und jetzt, nach dem Ausstieg McCarthys, tönen endlich auch andere Bandmitglieder progressiver. Bassist Robert Hardy spielt sich jetzt ins Zentrum. Wie die Flummis hüpften die Fans zu seinen zwingenden Bassläufen. Diese intensive Resonanz ließ den introvertierten Meister geradezu aufblühen. Das Zwischenspiel mit Neuzugang Julian Corrie, der die Synthesizer streichelte, klappte perfekt.

Diese Rückbesinnung auf die Gebote des Bauches und des Tanzbeins mögen nicht alle. Jene aus der konservativen Rockerecke deuten sie als Regression. Viele Fans der ersten Stunde waren daheimgeblieben. Nur etwa 2000 Menschen jubelten, als Kapranos zu seinen berühmten Luftsprüngen mit gespreizten Beinen anhob. Jetzt gilt es, die Enttäuschten durch neue Hörer zu ersetzen. Auf wundersame Weise sind Franz Ferdinand wieder auf den Ebenen einer späten Aufbruchsphase angekommen. Das steht ihnen gut. Das Nicht-verortet-Sein ist ein Topos, der schon früher in Kapranos Texten aufblitzte. Nun wurde diese attraktive Gehetztheit auch musikalisch auf ganz neue Weise nachvollziehbar. Beats, Bass und die Nile-Rodgers-Funkgitarre in „Feel The Love Go“ klangen etwa mehr nach Daft Punk als nach rauem Gitarrengeschrubbe.

Bei Franz Ferdinand ist vieles doppelbödig. Nicht zuletzt der Bandname, der auf ein Rennpferd zurückgeht, das nach dem österreichischen Thronfolger benannt war. „Step out of our cages“, ermunterte Kapranos die Fans und sich selbst in „Paper Cages“. Die narzisstische Facebook-Generation verstörte er mit einer Zeile wie „We can see fate as entertainment“. Das war „food for thought“, wie es im aufrührerischen Funk der Siebzigerjahre hieß. Ein anderes Highlight war „Lois Lane“, schwelgerische Hommage an den unvergessenen Sidekick des Cartoonhelden Superman. Die emanzipierte und witzige Lois Lane hatte von 1958 bis 1974 sogar ihre eigene Comicreihe. Kapranos legte ihr kluge Sentenzen wie „the motivation of altruism is selfishness“ in den Mund. Ein idealer Merksatz für dauergereizte PC-Jünger, die edler sein wollen, als es menschenmöglich ist. Die Kombination frischer Lieder mit Klassikern à la „No More Girls“, „Take Me Out“ und „The Dark Of The Matinée“ fühlte sich an diesem Abend einfach großartig an.


[OAKNR]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2018)

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