Hindi Zahra: Musikalische Klänge aus dem Schmelztiegel

Wenn sie zu lange nur einen Stil verfolgt, wird ihr fad: Hindi Zahra nimmt sich aus afrikanischer, orientalischer und Jazzmusik, was sie will. Mit "Hand Made" legt sie ein melodiegesättigtes Meisterwerk vor.

(c) EMI Blue note

Die 30-jährige Hindi Zahra, in Paris lebende Marokkanerin, legt mit „Hand Made“ ein bezauberndes, melodiengesättigtes Meisterwerk vor. Ihre Musik entfaltet exotische Aromen, ist aber auch stark im Jazz, Blues und Soul verwurzelt. Dem „Schaufenster“ erzählte sie Details über ihre musikalische Herkunft, ihr Faible für Mischstile und die tiefere Bedeutung der Western Union.

Gab es neben Ihrer Mutter, die selbst Sängerin war, weitere musikalische Einflüsse?

Ja. Zum einen waren das die vielen Hochzeiten, die es im ländlichen Marokko so gibt. Ich wuchs im kleinen Ort Khouribga auf. Dort konnte man auch Radio und TV empfangen. Marokko ist durch seine spezielle Lage eine Art von Schmelztiegel. Bei uns mischt sich afrikanische, orientalische und spanische Musik. Durch einen Onkel, der ein Faible für amerikanische Soul-, Rock- und Reggae­musik hatte, hörte ich auch diese Stile früh.

Auf Ihrer YouTube-Seite erwähnen Sie auch das Wüstenvolk der Tuareg als Einfluss . . .

Aus Nordafrika kommt so viel interessante Musik. Die psychedelische Musik der Berber, die jetzt viele Desert Rock ’n’ Roll nennen, der Blues eines Ali Farka Touré. All diese elektrischen Gitarren, die tranceartige Klänge erzeugten, beeindruckten mich stark. Der Rhythmus war da oft über Stunden der Gleiche. Trotz ihrer Dynamik hat diese Musik kontemplative Qualitäten.

Mit 15 Jahren fanden Sie sich in Paris wieder. Welcher Kontrast bot sich?

Es ist nicht leicht, seine Heimat zu verlassen. Es brauchte lange Zeit, bis ich mich in Frankreich wohlfühlte. Zunächst war es eine Art Kulturschock für mich. Über die Musik fasste ich schön langsam Fuß. Paris ist ja ein Tummelplatz für Musiker aus allen Himmelsrichtungen.

Sie begannen als Backgroundsängerin für Bands, deren Sound zwischen Soul und Hip-Hop lag. In welchen Clubs spielten Sie damals?

Da wir oft Vorprogramm für renommierte Acts machten, stand ich früh auf der Bühne illustrer Musiktempel wie dem Olympia. Sehr wichtig war für mich auch ein Club namens Le Triptyque in der Rue Montmartre. Da gab es viele Jamsessions, bei denen ich viel lernte. Dort konnte es passieren, dass ein Keziah Jones, eine Me’shell Ndegeocello einstieg. Das war sehr aufregend.

Wie fanden Sie zu diesem delikaten Mischstil, der Ihr Debütalbum dominiert?

Das Problem war immer, dass ich so viele Stile mochte, mir aber immer etwas langweilig wurde, wenn ich einen Abend lang auf einen Sound beschränkt war. Deshalb war mein Album „Home Made“ so etwas wie eine Befreiung für mich, weil ich endlich einen Stil kreieren konnte, der all meine Einflüsse berührte. Jazz, Soul, Blues – all diese Genres liebe ich gleich intensiv.

Wie kam es dazu, dass Sie beim renommierten Blue-Note-Label debütierten?

Ach, die Jungs von Blue Note stapften schon ein paar Jahre hinter mir her. Ich wollte mich zunächst an kein Label binden. Mir war immer wichtig, dass ich mein ­Album selbst produzieren konnte. Also tat ich dies in aller gebotenen Ruhe und brachte es ihnen dann.

Wann begannen Sie, eigenes Material zu kreieren?

Das muss so fünf, sechs Jahre her sein. Bei mir dauert ­alles ein bisschen länger, weil ich Autodidaktin bin. Ich habe keine Strategien, die kreative Prozesse abkürzen. Improvisation ist sehr wichtig in meiner Kunst.

Sie sind jetzt 30. Ein bisschen spät für ein Debüt . . .

Ja, das sagen viele. Aber meine Lebensphilosophie ist halt „Imik Si Mik“, was so viel wie „little by little“ heißt. Ich wollte nichts überstürzen. Es ist auch eine Frage der Verantwortung, die man für die musikalische Tradition fühlt. Im Musikbusiness kann man sich leicht verlieren. Da gibt es viele aufgeplusterte Egos. Ich habe schwere Zeiten durchgemacht, meine Musik reflektiert das. An Oberflächlichkeiten bin ich nicht interessiert.

Sie strecken Ihre Fühler auch nach Großbritannien aus. Wie geht es Ihnen in dieser Ellenbogengesellschaft?

In London herrscht wahnsinnige Konkurrenz. Dennoch suchen Musiker eher die Gemeinsamkeiten als das Trennende. Das Märchenhafte daran, Musikerin zu sein, ist, dass man überall Anschluss findet. Das gelang mir vor einigen Jahren sogar in Kairo. Wenn man wirklich kreativ Musik macht, dann hat man weder Zeit noch Lust, anderen Vorurteile überzustülpen. Ganz abgesehen davon liebe ich den britischen Humor.

Ihr Song „Stand up“ wurde eben von einer inter­nationalen Bank für eine Werbekampagne aus­gewählt. Warum ist das für Sie okay?

Weil es sich um die Western Union handelt. Einer normalen Bank hätte ich das nicht erlaubt, aber Western Union nützen alle Afrikaner, um Geld in ihre Heimat zu schicken. Für uns ist Western Union keine Bank, sondern einfach ein Weg, Geld an Menschen zu schicken, die es brauchen.

TIPP

Hand Made von Hindi Zahra (EMI Blue Note), www.hindizahra.com

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