Politische Plattitüden bei Roger Waters: Pink Floyds Wuthupf und das Böse

Er nahm neben Trump auch Kanzler Kurz aufs Korn: Roger Waters entzückte musikalisch in einer opulenten Show in der Wiener Stadthalle, entsetzte aber auch mit politischen Plattitüden.

Roger Waters am Mittwoch in der Stadthalle in Wien.
Roger Waters am Mittwoch in der Stadthalle in Wien.
Roger Waters am Mittwoch in der Stadthalle in Wien. – APA/HANS KLAUS TECHT

„Hanging on in quiet desperation is the English way“ erklang hinreißend schön bereits in den ersten Minuten. Ob Roger Waters diese Zeilen in „Time“ selbst geschrieben hat, weiß man nicht so genau, sind doch alle vier Mitglieder von Pink Floyd als Urheber eingetragen. Wesensgemäß scheinen sie ihm jedenfalls nicht zu sein, wie das Konzert in Wien bestätigt hat. Was so schön mit Tracks des erfolgreichsten Pink-Floyd-Albums, „The Dark Side of the Moon“, begann, mündete bald in einer überladenen Agitprop-Show, die selbst jenen, die grundsätzlich Waters Kritik an der israelischen Regierung, an Trump und am Aufstieg des Neofaschismus teilen, sauer aufstoßen musste.

Da die Projektionsflächen einer regulären Bühne für die abzuarbeitenden Slogans, Zitate und Sermone nicht ausreichten, senkte sich in der zweiten Hälfte ein Ungetüm in der Saalmitte herab, das sich bald als Nachbildung des Londoner Industriedenkmals Battersea Power Plant erwies. Auf dessen Ziegelwände ließ Waters u. a. Originalzitate von Donald Trump blenden. Da stand etwa „My two greatest assets have been mental stability and being, like really smart“ oder „The point is, you can never be too greedy“.

Solche Momente unbeabsichtigter Selbstentlarvung hätten bei Weitem gereicht, um die Botschaft, um die es Waters geht, zu transportieren. Aber nein, er musste noch ein in Landessprache gehaltenes „Trump ist ein Schwein“ nachschieben. Sogar die Pause wurde dafür genutzt, Kampfparolen gegen den „Aufstieg des Neofaschismus“ zu wälzen. Die in Orange projizierte Namensliste enthielt neben Trump, Orbán, Le Pen, Farage und Putin auch den Namen Sebastian Kurz.

Seit Langem zelebriert der einst so friedliche Hippie Waters seine Wut gegen „die da oben“. Als Aktivist der BDS-Movement, einer transnationalen Bewegung, die Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen Israel anstrebt, ist Waters streitbarer denn je. In der jüngeren Vergangenheit focht er gegen Kollegen wie Nick Cave und Thom Yorke, weil sie in diesen politisch turbulenten Zeiten in Israel aufgetreten waren. Auf den Schwingen seiner Selbstgerechtigkeit hielt er auch in Wien eine Brandrede gegen israelische Politik; „o si tacuisses, philosophus mansisses“, wollten da selbst jene ausrufen, die ihm prinzipiell recht gaben: „Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben.“

Wenigstens „Wish You Were Here“

Kaum zu glauben, dass dieser verbissene Agitator einst so zeitlos schöne Lieder wie „Cymbaline“ und „Wish You Were Here“ geschaffen hat. Wenigstens Letzteres gab er auch an diesem Abend. Tatkräftig zur Seite standen ihm dabei die beeindruckend langhaarigen Gitarristen Gus Seyffert und Jonathan Wilson, die schon beim aktuellen, superben Soloalbum „Is This the Life We Really Want?“ von Waters dabei waren. Dass sich Wilson, der mit seinen eigenen Konzeptalben wie „Fanfare“ zu den größten Künstlern der Gegenwart gehört, zum Sideman degradiert, war eine Überraschung. Ein hochwirksames Duo waren auch die beiden im Zwillingslook angetretenen Sängerinnen, die im wirklichen Leben die Indie-Band Lucius betreiben. Ihre Version von „The Great Gig in the Sky“ war beseelt und artistisch zugleich. Die musikalischen Instinkte dieses Wuthupfs – so sagen Wiener gern zu Rappelköpfen – funktionieren noch gut. Wunderschön, wie das epische „Welcome to the Machine“ zu grollen begann, gespenstisch die Melodie, die die Nachkriegsverheerung im Song „The Last Refugee“ illustrierte.

Plakativ hingegen dann wieder der Auftritt von Wiener Schulkindern, die erst am Nachmittag des Konzerttags den Song „Another Brick in the Wall“ einstudiert hatten. Sie mussten in IS-orangen Overalls mit Kapuzen auf die Bühnen, sich später entkleiden und mit „Resist“-T-Shirts am Leib singen sowie die bekannte Gleichschrittchoreografie tanzen. Lieb, wie manchen dabei die Zunge bei dem Wörtchen „wall“ entgleiste. Der Refrain „We don't need no education, we don't need no thought control“, der schon 1979 Margaret Thatcher erzürnt hat, ist in Zeiten der sogenannten sozialen Medien brandaktuell.

Fazit: Der letztlich doch zu lange Abend zeigt Waters von seiner besten wie von seiner übelsten Seite. So schön er in Teilen seiner Musik schwelgen kann, so hässlich agitiert er politisch. Das Gemeinsame aller Menschen will er befördern, am Ende spaltete er nur.


[OGW41]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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