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„Kreuzigt sie wie auf Golgotha!“: Umstrittener Rap im Bataclan

KolumneIm Pariser Club Bataclan, 2015 Ziel eines Terroranschlags, soll der Rapper Médine auftreten. Eine Verhöhnung der Opfer, sagen Kritiker.

Bald drei Jahre ist er her, als 89 Menschen im Pariser Musikclub Bataclan durch einen islamistischen Terroranschlag starben.
Bald drei Jahre ist er her, als 89 Menschen im Pariser Musikclub Bataclan durch einen islamistischen Terroranschlag starben.
Bald drei Jahre ist er her, als 89 Menschen im Pariser Musikclub Bataclan durch einen islamistischen Terroranschlag starben. – (c) APA/AFP/PHILIPPE LOPEZ

Bald drei Jahre ist er her, der 13. November 2015, als 89 Menschen im Pariser Musikclub Bataclan durch einen islamistischen Terroranschlag starben. Seit zwei Jahren treten hier wieder Musiker auf.

Für Oktober wird nun der französisch-algerische Rapper Médine dort erwartet. Wenn er denn auftritt. Abgeordnete der Mitte-rechts-Partei „Les Républicains“ und des „Rassemblement national “ protestieren, auch aus der Macron-Partei, „République en Marche“, kommt Kritik. Im Bataclan dürfe nicht ein Musiker auftreten, der in seinen Texten vorschlage, die „laïcards“ (pejorativ für Verfechter des Laizismus, also der strengen Trennung von Staat und Religion) zu „kreuzigen“. Auch der Vers „Ich gebe Fatwas auf die Köpfe der Idioten“ wird von den Kritikern zitiert.

Erst vor Kurzem wurde ein für den 29. Mai geplanter Auftritt des französischen Rappers Black M wegen Protesten bis hin zu Gewaltdrohungen wieder abgesagt. Er hätte bei den Gedenkfeierlichkeiten zu 100 Jahren Schlacht von Verdun singen sollen. Hier verwiesen die Kritiker unter anderem auf sein Lied „Désolé“, in dem Frankreich ein „pays de kouffars“, also Land der (feindlich gesinnten) Ungläubigen genannt wird. Da half es dem Rapper auch nichts, dass er in einer Erklärung seinen „Stolz“ darauf, ein „Kind der Republik“ zu sein, betonte – sie habe, dankte er, seine Eltern aufgenommen, sie habe ihm erlaubt, seine Leidenschaft (der Musik) zu leben.

Die Debatte reiht sich ein in all die Rapper-Debatten der vergangenen Monate, über den Echopreis für die Rapper Kollegah und Farid Bang, deren Texte antisemitische Äußerungen enthalten, über den Pulitzer-Preis für Kendrick Lamar. Wo soll man die Grenze ziehen zwischen noch legitimer Übertreibungskunst, deren Ziel ja die Provokation ist, und Hassrede?

Der 35-jährige Médine Zaouiche ist ein in Frankreich geborener und aufgewachsener Sohn algerischer Einwanderer, erst als Jugendlicher wurde er überzeugter und praktizierender Muslim. Seit Beginn seiner musikalischen Karriere hat er das Verhältnis von Frankreich, Islam und Muslimen zum Thema gemacht – es gehört geradezu zu seinen Markenzeichen –, die mangelnde Akzeptanz des Islam und der Muslime in Frankreich kritisiert. „11 September“ hieß sein erstes Album 2004, damals ließ er auch T-Shirts mit der Aufschrift „I'm muslim, don't panic“ bedrucken. In seinem umstrittensten Lied „Don't Laik“, das die bereits zitierten Passagen enthält, heißt es etwa, dass Frankreich, „um die Nazi-Islamisten zu bekämpfen“, Muslimen die Bildung verwehre, aber auch, dass die Shariah den Dieben das Handwerk lege, weil sie klare Verhältnisse schaffe. Médines wichtigstes Angriffsziel sind die „laïcards“ genannten Verfechter des Laizismus, der strengen Trennung zwischen Staat und Religion; sie gehören gekreuzigt „wie auf Golgotha“, singt er. Der Laizismus sei „die Religion der Freimaurer, der Katechismus der Atheisten“.

Médine hat auch oft genug seine Distanz zu radikalen Islamisten klar gemacht. Nur nicht in seinen Texten, die sind gezielte Provokation – mit den erwartbaren politischen Reaktionen. Wichtiger wäre wohl zu erfahren, was Überlebende und Angehörige der Opfer des Bataclan-Anschlags über den geplanten Auftritt denken.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2018)

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