Wer sagt denn, dass Rockjazz wehtun muss?

Kritik Gewiss, der in den Siebzigerjahren entstandene „Fusion“-Stil ist oft zum zwänglerischen Vorzeigen von Virtuosität ausgeartet. Bassist Stanley Clarke hat gezeigt, dass das nicht so sein muss. Im Porgy & Bess hörte er seinen jungen und exotischen Mitmusikern sehr genau zu.

Stanley Clarke
Stanley Clarke
Stanley Clarke – (c) imago/POP-EYE (POP-EYE/HEINRICH)

Rockjazz konnte in den Siebzigerjahren ganz schön schmerzen. Die egozentrische Interaktionsordnung dieses – oft auch Fusion genannten – Virtuosenstils sah vor, möglichst viele Noten pro Zeiteinheit abzusondern. Oft ungeachtet dessen, was die Kollegen spielten. Rockjazz-Bassist Stanley Clarke, durchaus auch ein Virtuose, zählte aber nie zu den zwänglerischen Akrobaten. Er entwickelt seine Kunst aus dem Zuhören.

Auch in den Jahren, in denen Rockjazz zu einer Art Kampfsportart verkam, war Clarke einer, der für inniges Zusammenspiel stand. Egal, ob in stillen Passagen oder in wilden Funk-Jam-Sessions. Im Juli 1977 gastierte er erstmals solo in Österreich. Im Zelt auf dem Sportplatz in Wiesen spielte er neben muskulösen Instrumentals wie „School Days“ auch lyrische Preziosen wie „Journey to Love“. Beeindruckend waren damals schon seine langen Finger, die den Bund einer E-Bassgitarre wohl sogar zweimal umwickeln könnten. Mit ihnen erzeugte er den charakteristisch melodischen Ton, der heute noch seine Performances dominiert.

Für sein Konzert im prallvollen Porgy & Bess waren an den Bühnenrändern zwei mächtige Keyboards aufgestellt: Yamaha Motif XP8 versus Roland Fantom G8. Der 22-jährige Beka Gochiashvili und der 24-jährige Cameron Graves bespielten diese Geräte ganz im Sinn ihres Meisters. Dezent, beseelt, zuweilen mit vitalen Pointen.

Eine Überraschung war der frisch angeheuerte afghanische Tablaspieler Salar Nader, der seine polyrhythmischen, oft herzhaft blubbernden Sounds ideal in den Jazzfunk-Kontext einbrachte. Clarke lauschte jedem seiner Musiker aufmerksam, er weiß, dass er auch als 62-Jähriger von Youngstern oder Jazznovizen wie Nader etwas lernen kann. Als Bandleader führte er die Stränge zusammen, diktierte aber nie. Seine Musik ist durch und durch organisch. Ja, sie atmet geradezu. Ein Paradebeispiel war die epische Interpretation des Charles-Mingus-Stücks „Goodbye Pork Pie Hat“, das durch eigenwillige Lesarten von Joni Mitchell und Jeff Beck auch Eingang in den Popmusikkanon gefunden hat. Clarke nahm dafür den E-Bass zur Hand, lässig tupfte er die Melodie vom Bund, reicherte sie mit delikater Fremdheit an. Bald verlor sich das Kollektiv in Rasseln und Rauschen, in Seufzen und Sehnen. Irgendwann erwachten die vitalen Triebe, und die Combo navigierte in Richtung schmutzigen Funks.

 

Stück zu Barack Obamas Wahl

Dramatische Verwandlung erfuhr auch Joe Hendersons berühmte Nummer „Black Narcissus“. Sie begann wie ein dunkler Traum. Sphärische Keyboardsounds, zartes Tabla-Gepratzel, behutsam gestrichener Kontrabass – alle schienen auf der Suche nach einer Wirklichkeit zu sein, die für jeden natürlich eine andere war.

Da Clarke aus einer Generation stammt, die von Politik so sehr wie von Spiritualität inspiriert ist, komponiert er zuweilen auch anlassbedingt. „Paradigm Shift“ etwa, 2008 zu den Präsidentschaftswahlen ersonnen, bei denen Barack Obama gesiegt hat. Es ist, wie an diesem Abend hörbar wurde, ein Stück, das Gegensätzliches zelebriert: verspielte Klavierakkorde, Seite an Seite mit strengen Bassfiguren. Der Schlagzeuger war zunächst zum Beserln verurteilt, die Keyboarder zu sphärischem Hintergrundrauschen. Nach einer Phase der Nachdenklichkeit fand sich alles in einem lebenslustigen Groove wieder. Zu guter Letzt ging es ins Paradies des „Slapping Bass“. Zwei gigantische Funk-Jams, bei denen Clarkes Daumen geradezu ins Glühen geriet, begeisterten auch jene Altfans, die stets vorgeben, längst alles zu kennen. Gellender Jubel!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2018)

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