Helene Fischer in Wien: Eine Soldatin der Liebe in der großen Schlacht

Im Gladiatorenwagen kurvte Helene Fischer durchs Wiener Stadion und beschwor das Glück der Zweierbeziehung. Mit oft untauglichen Mitteln.

Helene Fischer im Ernst Happel Stadion
Helene Fischer im Ernst Happel Stadion
Helene Fischer im Ernst Happel Stadion – APA/HERBERT PFARRHOFER

„Hört ihr mich?“, flüsterte eine Stimme aus dem Off. Zahlreiche Augenbrauen hoben sich, manches Lippenpaar kräuselte sich. War sie das schon? Mit dem zweiten Satz war alles klar. „Heute Abend gehöre ich nur euch!“, verhieß die noch Unsichtbare.

Fanfaren, Donnerschlag, und dann fuhr sie endlich aus dem Bühnenboden. Ein üppiger Chor entriegelt sanfte Vokale, die mit stummen Hs endeten. Zu niedlichen Gitarrenklängen leiteten sie eine wilde Szene ein. Helene Fischer kämpfte sich auf eine imaginäre Startbahn. Dort starteten keine Flieger, wie der Songtitel vorzugeben schien, sondern Paare. Ihr Himmel war, voraussehbar, die leidenschaftliche Beziehung. „Nimm mich an die Hand! Renn so schnell du kannst! Jetzt ist es so weit, keiner bleibt hier auf der Strecke“, sang Fischer.

Die Damen mit den Helene-Leuchtstangen wachelten sich jetzt ein paar Liter Abendluft zu. Liebesalarm! „Jeder Traum von uns soll ewig sein!“, deutete Fischer allzu menschliche Hybris an. Viele Familien und noch mehr einsame Herzen waren da ins Stadion eingeschlichtet. Immer wieder wechselte Fischer ihre Anspracheformel. Mal murmelte sie „Ihr Lieben“, dann wieder titulierte sie die etwa 38.000 Seelen als „meine Freunde“.

"Ich möchte Liebe versprühen"

Aus der Boden-Luft-Turnerin des letzten Wien-Stadion-Konzerts ist mittlerweile eine Botschafterin der Liebe geworden. Und zwar eine, die im Gladiatorenwagen eine Stadionrunde auf der Laufbahn absolvierte, damit auch die armen Teufel auf den billigen Plätzen ein hübsches Foto machen können. „Helene als Papst“, schreibt prompt eine mitteleralterliche Dame auf ihr leicht aus dem Fokus rutschenden Fischer-Porträt. Das mit dem Wegschicken klappte dann aber nicht. Das Netz war zusammengebrochen. Erwartungsgemäß, möchte man sagen.

Das erste Kostüm des Abends ist lichtblau, das letzte dann aus rotem Lack. Die Overknee-Stiefelchen erhöhten den Grad an Billigkeit. „Es war leicht, Helene aus Russland rauszubekommen, aber Russland aus Helene zu eliminieren, das geht offensichtlich nicht“, meinte eine Dame, die mal mitsang, dann aber wieder sanft in Agonie versank. Ungeachtet der Indifferenz seitens nicht so weniger Besucher servierte Fischer ihr unsichtbares Produkt durchaus zeremoniell. „Ich möchte Liebe versprühen von der Bühne. Ich hab ja genug davon“, rief sie. Ganz schön mutig für jemanden, der im sexuell ambivalenten Schlagerkollegen Florian Silbereisen „einen (nur) mutmaßlichen Lebensgefährten“ (Zitat: "Die Zeit") hat.

Automatenanmutung statt Sexappeal

Mit dem von zackigen Bläsern umrahmten „Fehlerfrei“ ging zum ersten Mal ein Ruck durchs Publikum. An einer Zeile wie „Keiner ist fehlerfrei“ labte sich beinah jeder gern. Zudem hatte die schmissige Melodie den richtigen Schunkelkoeffizienten. Jetzt wackeln endlich die liebevoll gekritzelten Transparente im kühlen Abendwind. „Helene – Göttin auf Erden“, verlautete eines. Übermenschlich wirkt sie zweifellos. Nicht ganz zu Unrecht wird ihr von Zweiflern eher Automatenanmutung denn Sexappeal zugesprochen.

Die Show aber, die ist auf der Höhe der Zeit. Die Presseinformation der zuständigen Konzertagentur verbreitete vorab stolz die technischen Daten. 60 Flammendüsen waren da etwa im Einsatz, 35 Nebelmaschinen und 500 Kilogramm Pyro. Allerhand! Allerhand! Was misstrauisch machte, war die Perfektion, mit der alles vonstatten ging. Statt einer genuinen Sprache der Zärtlichkeit pflegen die Texter von Fischer einen Sprachstil, der oft militärisch anmutet.

Die immer wieder anhebenden Techno-Beats verstärkten diesen Eindruck. Im rassigen „Viva La Vida“, für das die Rhythmen des patinierten Latinhits „Conga“ in Besitz genommen wurden, flirtete Fischer intensiv mit der Ekstase. „Ein Gefühl, ein Moment, alles dreht, alles brennt“, sang sie da zu kollektiven „Hey oh, ale ale oh“-Rufen. In der Liebe ist wie im Krieg alles erlaubt, heißt es.

Und mit dem richtigen Schlachtruf macht man höchstwahrscheinlich Beute. „Und morgen früh küss' ich dich dann wach“, hieß konsequenterweise der nächste Song. Ein richtiger Schlager aus der Feder des an Fischers Karriere maßgeblich beteiligten Jean Frankfurter - ein Mann, dessen eigene Laufbahn 1971 mit dem deutschen Text für Danyel Gerards Kapitalschnulze „Butterfly“ anhob. „Meine Lieder streicheln dich“, hieß eine Kompilation mit Frankfurter-Kompositonen. Das ist in Zeiten von #metoo zu viel des Guten.

Zuckerlfarbene Projektionen

Überhaupt hat der zeitgenössische Schlager Angst vor dem großen Gefühl. Aus den Texten ist das Pathos der Gefühle zwar nicht vollständig gewichen, es wird aber in aller Regel mit derber Musik kontrastiert. Während die Schlagerikonen der Siebzigerjahre unverwechselbaren vokalen Ausdruck hatten, klingen die aktuellen Stars recht einförmig. Auch Helene Fischers Stimme ist kein Organ, das Wärme schenkt. Auf den kühlen Abend verweisend rief sie dennoch trotzig: „Aber in unseren Herzen ist es warm. Hier vorne schwitzen schon einige.“

TMI, würden Youngster sagen. Too much information. In der Zwischenzeit spielte ein Rastaman mit Haube ein Saxofonsolo in Sommertemperatur. Die Projektionen wurden zuckerlfarbener, die Klänge übernationaler. Balearische Beats und schottische Dudelsäcke, französisches Akkordeon und britische Dubstep-Bassbrummen zeigten an, hallo, hier geht es um Internationalität. „Egal wohin, egal wie weit, an jedem Ort zu Hause sein!“, forderte Fischer in „Mit dem Wind“ eine Ideologie der Ortlosigkeit. Mit einem Neunzigerjahre-Medley aus „Rhythm Is A Dancer“, „What Is Love?“ und „I Like To Move It“ zog sie das Publikum wieder auf ihre, nämlich die beschwichtigende, Seite.

Venus vor einer Fächermuschel

Der nicht unfehlbare Philosoph Adorno postulierte einst, dass es Aufgabe der Kunst sei, Chaos in die Ordnung zu bringen. Helene Fischer bemühte sich – in wechselnden Bildern – ums Gegenteil. Sie räkelte sich auf bebenden Herzen, plantschte kindlich im Wasser, stakste als Venus vor einer Fächermuschel auf und ab. Die Szenarien wechselten, die Sehnsucht nach Verpartnerung blieb in den 22 Songs konstant. Das schlagerhafte „Ich will immer wieder dieses Fieber spüren“ und das technoid böllernde „Herzbeben“ waren die Highlights einer viel zu langen Show. Das waren jene raren Momente, in denen es schien, als könne ein Gefühlssurrogat schöner sein als echte Liebe. Das vorzugaukeln ist nämlich die edelste und ureigenste Aufgabe des Schlagers.

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