Wunderbare Welt in Moll

Am 26. Oktober veröffentlicht Anja Plaschg ihr 3. Album. Mit der „Presse am Sonntag“ sprach sie über Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ und ihr neues Bild der Weiblichkeit.

„Ich habe Phasen schwerer Depression, aber ich habe auch sehr viel Freude“, sagt Anja Plaschg.
„Ich habe Phasen schwerer Depression, aber ich habe auch sehr viel Freude“, sagt Anja Plaschg.
„Ich habe Phasen schwerer Depression, aber ich habe auch sehr viel Freude“, sagt Anja Plaschg. – (c) Poly Maria

Es ächzt geheimnisvoll. Es zittert und zwitschert. Die verschummerten Töne klingen, als wehten sie aus einer anderen Welt herüber. Ein wenig, als wären sie von der kühlen Velvet-Underground-Diseuse Nico auf Wolke 7 produziert. Distanziert, aber dennoch irgendwie herzlich. Nach dem enigmatischen Intro tröpfelt Ungewohntes über Anja Plaschgs Lippen: „I see trees of green, red roses too. I see them bloom for me and you. And I think to myself, what a wonderful world.“ Was für eine Überraschung ganz am Ende des neuen, dritten Soap&Skin-Albums „From Gas To Solid – You Are My Friend“.

Die Worte des Songs stammen von Bob Thiele, dem einstigen Betreiber des Jazzlabels „Impulse“. Der raukehlige Trompeter Louis Armstrong hat das Lied 1967 aufgenommen. 1968 erreichte dieses Manifest, das Leben trotz seiner Unzulänglichkeiten zu lieben, sogar Platz 1 in den britischen Charts. Es ist auf schönste Weise naiv. Nick Cave hat es einmal zusammen mit dem daueralkoholisierten Iren Shane McGowan aufgenommen. Patti Smith sang es bei der Trauerfeier ihres verstorbenen Ehemanns Fred „Sonic“ Smith. Es gab aber auch Versionen von Roy Black, Celine Dion und Israel Kamakawiwo'ole“. Und jetzt, völlig überraschend, ist da diese Soap&Skin-Aufnahme. War da Ironie im Spiel? „Ich würde es nicht so sehen. Mir ging es richtig schlecht, als ich mir erstmals überlegte, dieses Lied zu singen.“ Ein wenig wirkt es, als wolle Plaschg damit Nicht-Gewesenes beschwören, hat sie doch in ihrem bisherigen Œuvre hauptsächlich über den Schmerz meditiert. Das Licht der Lebensfreude hat sie gescheut. Und doch sei an dieser Stelle Leonard Cohen zitiert: „There's a crack in everything, that's how the light gets in.“

So ein Riss geht wohl auch durch die Persönlichkeit Plaschgs. Ein Gespräch ist keine lockere Konversation. Stille ist ein konstituierendes Merkmal eines Gesprächs mit ihr. Plaschg denkt nach, wägt sorgfältig ihre Worte ab und gibt nicht selten doch nur eine Ein-Wort-Antwort. Und dann, unerwartet, bricht ein Lachen aus ihr heraus. „Narrow“, ihr letztes, gewohnt schwermütiges Album, erreichte Platz 1 in den heimischen Charts. War das überraschend? „Schon ziemlich.“ Hat Sie das gefreut? „Ja, schon.“ Der Verdacht, es hätte sie deprimieren können, so einen Erfolg zu haben, bringt sie zum Lachen. „Ich habe Phasen schwerer Depression, aber ich habe auch sehr viel Freude. Ich sehe es mittlerweile als Geschenk, dass ich den Zugang zur Freude eigentlich in gleichem Maße habe.“


Tod und Leben. Und so ist die Wahl des Liedes „What A Wonderful World“ gar nicht mehr so ungewöhnlich. Sechs Jahre hat sie kein Album mehr aufgenommen, hat stattdessen für Theater und Film gearbeitet. Und sie hat ein Baby bekommen. Ein archaischer Vorgang, der nicht selten den Blick aufs Leben moduliert. Obwohl sie nicht exakt benennen kann, worin die Veränderung besteht, hat sie selbige doch konstatiert. „Unmittelbar nach der Geburt war das noch gar nicht zu spüren. Nach dem Ableben meines Vaters habe ich den Tod so intensiv gespürt, dann das Leben. Der Prozess, Leben zu schenken, hat viel dazu beigetragen, wie ich mich heute als Frau sehe. Überhaupt wie ich Weiblichkeit wahrnehme. Früher hatte ich diesbezüglich eine Abneigung, ja etwas Verachtendes, das in Aussagen wie ,Ich wäre gern ein Mann‘ zum Ausdruck gekommen ist. Aus heutiger Sicht finde ich das ganz schön arg. So etwas könnte ich nicht mehr sagen.“


Sehnsucht und Illusion. Im Video des Songs „Italy“, der nahtlos in das sphärische Instrumental „(This Is) Water“ übergeht, tauscht Plaschg in einem grindigen Wohnwagen Zärtlichkeiten mit einem Mädchen aus. „Hear me, feed me, nurse me, motherly. Lead me, teach me, searchingly. Reach me, release me, secretly“, singt sie beseelt zum dräuenden Harmonium. Ein Sehnsuchtslied? „Da kommen so viele Dinge darin vor, die eigentlich in den Worten, die ich singe, keinen Platz haben. Es war für mich wahnsinnig absurd, diesen Satz ,Awake me, hopefully in Italy‘ zu formulieren. Ich musste ihn mir aufschreiben, weil ich dachte, das kann ich nicht machen. Wenn es richtig peinlich ist, ist es oft ein gutes Zeichen. Der Satz kündet von der Illusion, die man mit einem Ort verbindet. Man verbindet ja nicht selten zu Unrecht romantische Vorstellungen mit einem Ort. Italien ist ja derzeit nicht in der besten Verfassung.“

Das Wühlen in eigenen Wunden gerät auf „From Gas To Solid – You Are My Friend“ nicht so obsessiv wie in der Vergangenheit. Unter Schmerzen hat sie in ihrem Unbewussten gelesen. Das Resultat gemütsaufhellend zu nennen, wäre übertrieben. Immer noch ist der Sound von Soap&Skin tief verstrickt ins Moll. Bloß bewegt er sich von der Unordnung des Albtraums hin in eine sinnliche Ordnung des Sehnens.

Zu einer zögerlich jubilierenden Trompete singt Plaschg vorsichtig von der Möglichkeit innerlicher Heilung. „Trauma bonded, all doors open on a high speed crash, for whom. Do we heal?“ Am Ende verlautet sie mit fester Stimme: „Fear used to be near here, but won't anymore. I have no fear. I have no fear.“ Mit dem dritten Soap&Skin-Album tritt Plaschg aus den Kreisen um eigene Befindlichkeiten heraus. „Wenn ich selbst Musik konsumiere, dann möchte ich einen Bezug zur Welt spüren“, sagt sie. Der ist jetzt auch in ihrer eigenen Kunst überraschend greifbar geworden. Von Selbstheilung durch Musik will sie aber nichts wissen. „Ich habe keine Antwort dafür, ob Heilung überhaupt möglich ist.“

Steckbrief

Anja Plaschg (*1990) alias Soap&Skin ist Musikerin, Sängerin und Schauspielerin. Sie spielt seit ihrem 6. Lebensjahr Klavier, begann mit 14 Jahren Geige zu spielen und wandte sich parallel der elektronischen Musik zu. 2008 spielte sie in „Nico – Sphinx aus Eis“.

2009 erschien ihr Debütalbum „Lovetune For Vacuum“; 2012 ihr zweites Album „Narrow“, das ganz im Bann des Todes ihres Vaters stand.

2016 kam Ruth Beckermanns Film „Die Geträumten“ in die Kinos. Plaschg spielte eine der beiden Hauptrollen.

2018 drittes Album „From Gas To Solid – You Are My Friend“ erscheint bei Solfo/PIAS

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2018)

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