Feminina aus dem Machismo-Land

Joyce ist so etwas wie die Joni Mitchell Brasiliens: intellektuell, feministisch und sehr musikalisch. Jetzt gastierte die Gitarristin und Sängerin wieder einmal in Wien.

Joyce, die Joni Mitchell Brasiliens.
Joyce, die Joni Mitchell Brasiliens.
Joyce, die Joni Mitchell Brasiliens. – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Simone de Beauvoir wurde auch in Rio de Janeiro gelesen. So auch von der jungen Joyce Silveira Palhano de Jesus, die sich als Musikerin einfach Joyce nennt. Ihr 1980 aufgenommenes Album „Feminina“, das das Fragile mit dem Kämpferischen verbindet, spiegelt diese Lektüre. Der Titelsong war Antwort auf die Vorhaltungen ihrer Mutter, sie sei zu wenig Frau, weil sie sich nicht schminkt und stylt. „Mom, explain to me, teach me, tell me: What does ,female‘ mean?“, heißt es im Refrain.

Joyce hat ihre Antwort darauf gefunden. Ihre Strategie in der brasilianischen Machismo-Kultur war stets eine der weiblichen Selbstermächtigung. Das Lied „Feminina“ hat – zeitlich versetzt – ihrer internationalen Karriere einen Schub verpasst. Seit Ende der Achtzigerjahre hat die im Bossa Nova sozialisierte Gitarristin und Sängerin über 300 Songs komponiert und ist oft in Europa und Japan live zu Gast. So auch wiederholt in Wien.

Diesmal, im Porgy & Bess, startete sie programmatisch schlüssig mit „Samba De Mulher“, dem Samba der Frauen. Mehr und mehr ließ sich auf die Mysterien dieses Genres ein. Danach sang und spielte sie zwei eindringliche Lieder ihres Debütalbums aus dem Jahr 1968. Das hat sie soeben unter dem Titel „50“ neu aufgenommen. „Ich wollte diesmal eine bessere Sängerin“, erklärte sie lachend beim Konzert.

Heute, unglaubliche 70 Jahre alt, ist sie natürlich eine wesentlich selbstbewusstere Sängerin als damals. „Anoiteceu“, ein Stück aus dem Debütalbum (und aus „50“), war live im Porgy & Bess von besonders eindringlicher Qualität. Samba, Música Popular Brasileira (MPB), Bossa Nova oder überhaupt Jazz – Joyce hat die Genres stets gern miteinander vermischt.

 

Gefördert von A. C. Jobim

Aufgewachsen in der Blütezeit des Bossa Nova, nahm sie sehr jung Fühlung mit Antônio Carlos Jobim auf. Dieser unterstützte im eigenen Haus die musikalische Jugend Rios. Joyce aber genoss eine Sonderstellung: Sie durfte in den ersten Stock hinauf, wo die Erwachsenen saßen. So lernte sie den Poeten Vinícius de Moreaes kennen, mit dem sie später auf Tournee ging. Andere Stars wie Edu Lobu oder Marcos Valle lernte sie auch im Haus von Jobim kennen. Nie war sie das liebe Mädchen. Es war die Qualität ihrer Musik, die die anderen fesselte. Sogar die große, 1982 früh gestorbene Elis Regina nahm Lieder der jungen Joyce auf.

 

Das afrikanische Erbe

Etwa das glühende „Essa Mulher“, das Joyce an diesem Abend intensiv darbot. Auch ihre Coverversionen wurden im Porgy enthusiastisch gefeiert. Jobims „Desafinado“ etwa oder Baden Powells Afro-Samba „Canto de Xango“. Joyce betonte dazu die Wichtigkeit des afrikanischen Erbes für die brasilianische Kultur – gerade in Zeiten, in denen der neue ultrarechte Präsident, Jair Bolsonaro, gegen Dunkelhäutige hetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2018)

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