Da flogen Vögel der Melancholie

Kritik Das Singer-Songwriter-Festival Blue Bird hat einen Hang zu starken Frauen und schwachen Männern. Heuer überstrahlte die mollverliebte Molly Burch alles.

Delikater kann Melancholie nicht klingen: Molly Burch aus L. A. beim Blue-Bird-Festival.
Delikater kann Melancholie nicht klingen: Molly Burch aus L. A. beim Blue-Bird-Festival.
Delikater kann Melancholie nicht klingen: Molly Burch aus L. A. beim Blue-Bird-Festival. – (c) Hanna Pribitzer

Das Ausverkaufsschild hing auch heuer bald vor der Tür. Wo andere Veranstalter Kraut & Rüben buchen, um möglichst viele Schichten anzusprechen, bieten Jenny Blochberger und Klaus Totzler, Organisatoren des Blue-Bird-Festivals, schlicht an, was sie lieben: Singer-Songwriter, die einer größeren Öffentlichkeit noch nicht oder nicht mehr bekannt sind. Bisher etwa Vasthi Bunyan, Grant Hart, Edwyn Collins oder die grandiose Michelle Gurevich.

 

Ivory Tusk: ein Lied über die Leere

Grob gesagt, hegt die Blue-Bird-Chefetage ein Faible für starke Frauen und schwache Männer. In zweitere Riege passte heuer etwa Ivory Tusk, ein bärtiger Youngster, dem allerlei Mängel ins Gesicht geschrieben sind. Er trug seine Songs über Überdruss, Erschöpfung und unerwartete Glücksmomente schlicht zur Gitarre vor. Erlebnishungrig belagerte ihn das junge Publikum, hinten stand die Fünfzig-plus-Generation und nickte wohlwollend: Ja, so war es, ist es, wird es immer sein. Junge Menschen mit limitierten technischen Fertigkeiten machen Lieder, ohne sich um deren Marktfähigkeit zu scheren. Sie tun es mit der Kraft ihrer vor Sehnsucht berstenden Herzen.

Wie eben auch Ivory Tusk, mit bürgerlichem Namen Ezequiel de Lima. In „Zephyr“, benannt nach dem antiken Windgott, forschte er der Leere nach, einem Phänomen, das rar geworden ist in einer Welt, in der die Zerstreuungskultur in die große Unübersichtlichkeit lockt. Tusk begreift in seinen Liedern den Mangel als wertvolles Geschenk. In seinen Songs streifen erstaunlich viele Vögel über die Himmel, sie könnten auch in den bukolischen Landschaften seines französischen Kollegen Raoul Vignal flattern. Dessen Marke von Folk lebt von der hauchigen Stimme, aber auch von Flöten und Klarinettenklängen. Mit melancholischen Elegien wie „Blue Raven“ entsprach Vignal perfekt dem Festivalprofil.

 

Laura Gibson: sanft, nicht harmlos

Auch bei den Songprotagonisten Laura Gibsons hatte man das Gefühl, sie entzögen sich mit aller Kraft dem Zugriff des Glücks, etwa im Song „I Don't Want Your Voice to Move Me“. Wenn Gibson von inneren Tumulten singt, tut sie es mit sanfter Stimme. Harmlos ist sie nie. In „Slow Joke Grin“, einem Nachdenken über das weibliche Begehren, erklärt sich die Heldin mit der lapidaren Zeile: „But I was never one to second guess and draw a line between love and fear of loneliness.“ Stets lauerte bei Gibson unter der lieblichen Oberfläche Beängstigendes.

Nur mit eigenen Liedern hantierte auch die 27-jährige Molly Burch aus Los Angeles. Sie verfügt über rare stimmliche Ausdrucksvielfalt, beherrscht das Distanziert-Affektierte so gut wie das tief Beseelte, kann glockenhell intonieren, aber auch cool in tiefere Lagen wechseln. Wie Lana Del Rey tändelt sie mit einem Frauenbild, das manche für veraltet halten. Burch hat genug Selbstvertrauen, nicht „Mansplaining!“ zu rufen, wenn einer „Schönes Wetter heute“ sagt. In „Without You“ feiert sie gar unbedingte Hingabe. Ob Zeilen wie „You are my guiding light“ nicht schon Unterwürfigkeit bedeuten, argwöhnten manche. Dagegen spricht, dass sie so offensichtlich übertrieben sind, dass sie wohl ironisch gemeint sind. Immerhin: Wenn sie in „First Flower“ die Zeile „You are my man“ flötete, fühlte sich wohl jeder Mann im Publikum persönlich angesungen . . .

 

Molly Burch: Seele von Roy Orbison?

Abseits der Bühne ist Molly Burch ziemlich introvertiert. Steht sie aber einmal oben, illustriert sie ihre eleganten Melodien mit sehr natürlicher Körpersprache. Wenn sie beim Keyboardspielen ihr linkes Ohr aus dem Haupthaar herausarbeitete, waren ihre Verehrer der Ohnmacht nah. Wo viel Süßes, ist das Herbe nicht fern. „I don't need to yell to know that I'm the boss“, sang sie in „To the Boys“. Ihr letztjähriges Debüt „Please Be Mine“ war groß. Aber der Nachfolger „First Flower“ ist noch viel besser. Er klingt, als hätte die ruhelose Seele von Roy Orbison in Molly Burch ein neues Gefäß gefunden. Knackbässe und Twang-Gitarren wie in den frühen Sixties, und dazu diese unfassbar traurige Stimme in einem wohlig-warmen Meer aus Moll. Was für eine Entdeckung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Da flogen Vögel der Melancholie

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.