Philipp Hochmair. Der jaulende Tod des Jedermann

„Jedermann reloaded“ heißt das kühne Projekt des Schauspielers Philipp Hochmair. Der reiche Mann stirbt hier auf CD. Schräge Klänge und stolpernde Beats begleiten ihn.

Der in Salzburg als Jedermann-Einspringer umjubelte Philipp Hochmair hat mit seiner Band Hofmannsthals Stoff  in eine neue Form gebracht: mit reichlich toxischen Klängen.
Der in Salzburg als Jedermann-Einspringer umjubelte Philipp Hochmair hat mit seiner Band Hofmannsthals Stoff  in eine neue Form gebracht: mit reichlich toxischen Klängen.
Der in Salzburg als Jedermann-Einspringer umjubelte Philipp Hochmair hat mit seiner Band Hofmannsthals Stoff in eine neue Form gebracht: mit reichlich toxischen Klängen. – (c) Rafaela Pröll

Das formschöne Präfix „re“ bezeichnet eine Wiederholung, die im besten Fall erneuernde Qualität hat. In der Popmusik hat es Hochsaison. Lockende Vokabel wie „remastered“, „re-edited“ und „remixed“ sind mittlerweile schon inflationär. Das weiß auch Schauspieler Philipp Hochmair, der für seine Aufarbeitung von Hofmannsthals „Jedermann“ das frischere Lockvokabel „reloaded“ ausgewählt hat.

Was am alten Spiel vom Sterben des reichen Mannes neu aufgeladen werden muss? Die äußere Form allenfalls. Denn in den Duktus der Sprache ist leicht hineinzufinden. Auch der lebensphilosophische Kern, salopp auf die Kurzformel „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ gebracht, ist aktuell wie eh und je. Hochmair, der reichlich Erfahrung in monologischen Interpretationen hat – so brachte er etwa Bearbeitungen von Kafkas „Amerika“, Goethes „Werther“ und Büchners „Lenz“ mit frischem Anstrich auf CD heraus – lanciert nun Hofmannsthals „Jedermann“: marketingtechnisch zum idealen Zeitpunkt, wirkt doch immer noch der Jubel über sein erfolgreiches Einspringen heuer am Salzburger Domplatz nach.

 

Dem Pop fiel zum Theater selten was ein

Hochmairs CD beginnt mit einem Stimmengewirr zu lieblichen Gitarrenklängen, die bald toxisch werden. Elektronische Verzerrung zeigt an: „Achtung, gefährlicher Inhalt!“ Blubbern, Rufe aus der Echokammer und kunstvoll verzitterte Beats branden an die Trommelfelle. Hochmairs Band, Die Elektrohand Gottes, gibt sich alle Mühe, klangliche Assoziationen mit Streetart à la Moondog und krachigem Avantgardismus auszulösen, wie ihn Popbariton Scott Walker in seinem Spätwerk praktiziert.

Das sind kluge Kniffe, schließlich gelang in der Popmusik nicht viel Wegweisendes, wenn Literatur oder Theater ins Spiel kam. Eine Ausnahme war John Cales sensible Dylan-Thomas-Vertonung „Words For The Dying“. Der britische Keyboarder Rick Wakeman verirrte sich 1974 in eine pompöse Verkitschung von Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Nicht viel besser war es, wenn Bands mit zeitgenössischen Sujets das Genre „Rockoper“ bedienten. Egal, ob Pretty Thing, The Who oder Pink Floyd, das musikalische Ergebnis war stets durchwachsen. Auch Hiesige probierten es. Richard Schönherz und Manuel Rigoni nahmen 1975 in den Londoner Abbey Road Studios die Rockoper „Victor“ auf. In Deutschland brachten Floh de Cologne das sozialkritische Opus „Profitgeier“ heraus.

„Viel Geld macht klug“, flüstert Hochmair maliziös in einen verklingenden Akkord. „Satan hat keinen anderen Namen als Geld“, heißt es auch, dazu: gediegen apokalyptische Klänge. Umschwirrt Hochmair dann seine Buhlschaft, werden die zuweilen frisurzerstörenden, maskulinen Sounds streichelweich. Nach dem Love Business lauert der Quiqui, wie der Tod in Wien genannt wird. Dann hört man mal leises Geräusch, mal kühn aufjaulende E-Gitarren-Klage. Die Lektion, sich von Gier und Machtlust zu befreien, befördert das Opus jedenfalls mühelos. Und darum geht es ja am Ende.

Am Donnerstag, dem 29. November, findet ein Album-Release-Konzert im Wiener Burgtheater statt. Das Album selbst erscheint am Freitag, 30. November, am selben Tag gibt es ein Konzert im Wiener Stephansdom.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2018)

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