Eurovision Song Contest: Lena, Liebling der Nation

Lena Meyer-Landrut, Maturantin aus Hannover, hat gute Chancen, am 29. Mai in Oslo für Deutschland den Sieg einzufahren. Fiebert auch Österreich mit?

Eurovision Song Contest Lena
Eurovision Song Contest Lena
Lena Meyer-Landrut – (c) AP (Kerstin Joensson)

Eigentlich sollte sie sich im Moment voll auf ihre Matura konzentrieren, die schriftlichen Prüfungen stehen kommende Woche an. Aber so oft die 18-jährige Lena Meyer-Landrut aus Hannover in Interviews auch die Wichtigkeit des Schulabschlusses betonen mag – Ende Mai hat sie noch „Größeres“ vor: Da tritt das sogenannte Pop-„Wunder“ für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo an. Wenn man den europäischen Wettbüros glauben kann, hat Lena gute Chancen, den Sieg einzuheimsen. Sieben Wochen vor der Entscheidung liegt sie klar auf Platz eins.

Deutschland ist vom Lena-Fieber voll erfasst worden, nachdem sich das Mädchen Mitte März in der Castingshow von Stefan Raab per Zuschauerwahl durchgesetzt hatte. „Lenaismus“ nennt es der „Spiegel“, Lena als Liebling der Nation, der Nachname braucht gar nicht mehr extra genannt zu werden. Marketingexperten sehen in ihr bereits das ideale Werbegesicht. Lenas frische, natürliche Art wird bewundert, das Unschuldsimage, der Kleinmädchencharme. Superlative sonder Zahl tauchen da auf, aber auch ohne Steigerung sind die Attribute für Lena schmeichelhaft: sympathisch, selbstbewusst, süß, sexy, schlagfertig.


Populärer als Knut.Fräuleinwunder nennt man sie, „Knut-Ersatz“ gar. Der anfangs so beliebte Eisbär im Berliner Zoo ist nämlich gar nicht mehr süß, geschweige denn sexy. Singen konnte er noch nie. Über Lenas diesbezügliche Fähigkeiten gehen die Meinungen auseinander: Laut der gebürtigen Australierin Jane Comerford (61), die zu den berühmtesten Stimmtrainern Deutschlands zählt, setzt Lena ihre Singstimme „nicht wirklich ein“, verfügt nicht über die entsprechende Atemtechnik, hat aber großes Talent für Performance und punktet mit ihrer Lockerheit. „Sie hat eine eigene Stilistik entwickelt und entsprechende Songs ausgewählt, wo dieser quirlige Sprechgesang gut zur Geltung kommt und völlig authentisch wirkt“, lobt Comerford im „Stern“.

„Unser Star für Oslo“ – über sechs Wochen hatte sich die erste gemeinsame Castingshow von ProSieben und ARD erstreckt und viele Deutsche vor das Fernsehgerät gebannt. Mit ihrer außergewöhnlichen Liedauswahl galt Meyer-Landrut von Beginn an als Favoritin. Sie sang „My Same“ von Adele, „Foundations“ und „Mouthwash“ von Kate Nash oder „The Lovecats“ von „The Cure“. Die größte Musiklegende ist für Lena übrigens Falco (1957–1998), ihre musikalischen Vorbilder sind Musiker wie Clueso, Adele, Kate Nash, Vanessa Carlton und die deutsche Band Wir sind Helden. Den englischen Sänger und Pianisten Jamie Cullum und den US-Sänger Kanye West würde sie gerne einmal persönlich treffen. Nicht in ihrem CD-Spieler landen dürfte „Après-Ski-Musik“.

Nach Oslo stürmt Lena mit „Satellite“, in die deutschen Single-Charts schaffte sie es gleich mit drei Songs auf die Plätze eins („Satellite“), drei („Bee“) und vier („Love me“) – sie ist die erste Sängerin, die drei Neueinstiege unter den ersten fünf platzieren konnte, wenngleich die beiden letzteren Lieder am vergangenen Freitag abrutschten. Auch die österreichische Hitparade erobert die 18-Jährige – und ebenso die Herzen der Nachbarn, die ihr in Ermangelung eines eigenen Kandidaten für den Song Contest wohl die Daumen drücken werden.

4,5 Millionen sahen Lenas Sieg im Finale der Castingshow, über vier Millionen Treffer verzeichnete zuletzt die Internetsuchmaschine Google zu ihrer Person. Auf ihrer Webseite tummeln sich bereits tausende Fans, unter ihnen auch schräge Gestalten, die sich etwa „eine sexy Großaufnahme ihrer nackten Füße“ wünschen oder Lena empfehlen: „Bewege dich wie eine Schlampe.“ Laufend werden Einträge dieser Art gelöscht.

Die Umschwärmte bleibt bei all dem Rummel gelassen: „Das Wichtigste ist, dass ich mit mir zufrieden bin.“ Fragen über Privates und ihre Familie blockt Lena ab: „Mein Leben ist total langweilig.“ Sie hat keinen Freund und erklärt ihrem Beziehungsstatus folgendermaßen unernst: „Ich bin zum achten Mal zwangsverheiratet.“


Ballett und Gesang. Als Einzelkind aufgewachsen, nahm sie ab dem fünften Lebensjahr Ballettunterricht, sang später in der Schulband und gründete mit einem Freund das Gesangsduo „Stenorette 2080“. Lena kann nach eigenen Angaben keine Noten lesen und lernte nie ein Instrument. Sie hat an der Innenseite des linken Oberarms eine Ritterlilie eintätowiert. Ihr Großvater Bruno Andreas Meyer-Landrut (80) war Chef des Bundespräsidialamts unter Richard von Weizsäcker und deutscher Botschafter in Moskau. Viel mehr ist über Lena und ihre Familie nicht bekannt.


Eine neue Nicole? Nach den enttäuschenden Ergebnissen der letzten Jahre kann sich Deutschland jedenfalls endlich wieder Hoffnung auf den ersten Platz machen. Umso größer ist die Spannung vor dem 29.Mai, an dem unter anderem in Lenas Heimatstadt Hannover mehrere „Public Viewings“ geplant sind. Den Sieg hat Deutschland erst einmal in der nunmehr 54-jährigen Geschichte des Song Contests geschafft, als 1982 mit der Saarländerin Nicole ebenfalls eine – in dem Fall noch nicht einmal ganz 18-jährige – Schülerin in Harrogate für Deutschland antrat. Sie gewann mit dem Ralph-Siegel-Song „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude“.

Es erinnert heute ein wenig daran, wenn sich Lena als einen Menschen beschreibt, der versucht, bei trister Stimmung den Menschen ein bisschen Freude zu bringen. „Und jetzt so vielen Menschen Freude zu bringen, vielleicht eine Minute, ist doch gut“, hatte sie noch vor ihrem Auftritt im Halbfinale gesagt. Vielleicht wird die Freude der Deutschen letztendlich ja sogar deutlich länger anhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)

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