Avantgardist auf Kriegspfad

Kritik Der US-Gitarrenvirtuose Marc Ribot brillierte mit wilden, noch mehr aber mit sanften Protestsongs im Wiener Porgy & Bess.

Marc Ribot
Marc Ribot
Marc Ribot – (c) imago stock&people (imago stock&people)

So manch kühner Fan spekulierte im Vorfeld, dass bei der Live-Umsetzung von Marc Ribots Album „Songs Of Resistance“ womöglich Superstar Tom Waits mit von der Partie sein könnte, weil dieser darauf das patinierte italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ sang. So kam es natürlich nicht. Ribot selbst übernahm den Gesang. Er tat es überraschend zart und teilweise auch auf Italienisch. Saxofonist Jay Rodriguez, der auch als Begründer der Formation Groove Collective berühmt geworden ist, kitzelte hier mit einem seidenweichen Flötensolo.

Als Opener davor wählte das Quartett „99 And A Half“, eine Reverenz an Soullegende Wilson Pickett, bei dem Ribot in jungen Jahren gespielt hat. Musikalisch war offensichtlich auch „John Brown“ einem früheren Förderer gewidmet. Die schmutzig-funkigen Gitarrenlicks, die hier ausgepackt wurden, verwiesen auf den großen Rufus Thomas, der den Funk in den frühen 1970er-Jahren so richtig scharf gemacht hat. Jetzt geriet das Auditorium in Wallung. Jay Rodriguez sekundierte erstklassig am Saxofon. Inhaltlich ging es um John Brown, einen sogenannten Abolitionisten, also jemand, der sich gegen die Sklaverei einsetzte und dafür 1859 hingerichtet wurde. Auch Bob Dylan schrieb ihm 1963 einen Song. Ribot zelebrierte den kämpferischen Geist Browns allerdings mit ganz anderen, zuweilen atonalen Mitteln. Das zweisprachig dargebrachte „Rata De Dos Patas“ (Spanisch für „zweibeinige Ratten“) veranschaulichte den Kampf zwischen Struktur und Lärm aufs Innigste. Immer wieder wurde der Swing von wüstem Gitarrenkrach zum Einsturz gebracht, stets erhob sich die schöne Melodie wieder.

 

Wütende Klänge, resignativer Charme

Im zweiten Teil des Abends fuhren die Klänge noch brutaler in die Eingeweide. Wütend wurde gegen den institutionalisierten Rassismus und bittere soziale Folgen einer neoliberalen Politik in den USA angesungen. Zu kantigen Grooves wurden Losungen wie „I refuse, I resist“ skandiert. Highlight war aber das sanfte, doch um nichts weniger kämpferische „When The World's On Fire“, das Ribot heuer gemeinsam mit der australischen Sängerin Sophie Brous im Kennedy Center in Washington zur Uraufführung gebracht hat. Das leicht Resignative in der Stimme Ribots versprühte hier allergrößten Charme. Er sollte häufiger singen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2019)

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