Der moderne Marsalis und seine Musketiere

Kritik Saxofonist Branford Marsalis zelebrierte im Konzerthaus die Magie des Jazzquartetts.

Branford Marsalis (Archivbild)
Branford Marsalis (Archivbild)
Branford Marsalis (Archivbild) – (c) imago/Eastnews (M.Lasyk/Reporter)

Dieser Mann kann ja alles. Der 58-jährige Saxofonist Branford Marsalis spielte schon solo in der Grace Cathedral und mit dem Sänger Kurt Elling, am besten zur Geltung kommt sein Spiel aber im Rahmen seines seit 1986 bestehenden Quartetts. Wesentlich umbesetzt hat er es Mitte der Neunzigerjahre, als Pianist Joey Calderazzo und Bassist Eric Revis zu ihm stießen. Schlagzeuger Justin Faulkner ist seit 2009 dabei. Doch stets blieb es eine verschworene Einheit, die die Tradition feiert, ohne die Gegenwart und Zukunft dabei zu vergessen, wie es Bruder Wynton Marsalis leider oft tut.

Heute ist es unvorstellbar, dass Jazz nicht immer im Quartett gespielt wurde. Als Geburtsjahr dieser Besetzung gilt meist 1943, als sich die damals führenden Saxofonisten Lester Young und Coleman Hawkins für sie entschieden. Und ein Format begründeten, das ultimativ wirkt, denkt man etwa an das, was später John Coltrane mit Thelonious Monk und Rhythmusgruppe zusammengebracht hat. Es mag hochfliegend klingen, aber Branford Marsalis kann in einem Atemzug mit solchen Legenden genannt werden; Technik, Sensibilität und Spielintelligenz sind bei ihm auf höchstem Niveau.

 

Beginn wie in einer Flüsterkneipe

Nach einem kurzen Schwätzchen, das die 1800 erwartungsvollen Zuseher kalkuliert ausschloß, ging es ins vertrackte „Dance of the Evil Toys“. Durch diesen kleinen Trick hatte man das Gefühl, man wäre in einer Flüsterkneipe und sähe bei etwas Verschwörerischem zu. Marsalis probierte sich zunächst in rüder Klangsprache am Tenorsaxofon aus. Calderazzo spielte kantige Blockakkorde, schien kurz davor zu sein, auch mit den Ellenbogen nachzuhelfen. Eric Revis riss an den Saiten, als ginge es um sein Leben. Vielleicht war es ja so, schließlich ist dieses wilde Stück von ihm. Es ist auch eine Stärke dieses Quartetts, dass nicht nur der Leader komponiert.

Gravierend änderte sich die emotionale Wetterlage mit Calderazzos versonnenem „Cianna“: Marsalis griff zum Sopransaxofon, huldigte dem Liebreiz der Melodie. Mit diesen zwei Stücken war das Terrain abgesteckt, das an diesem Abend in vielen Variationen durchmessen wurde. Wie gut dieses Klangkombinat grooven und schwelgen kann, zeigte sich auch an Klassikern. Das steinalte „On the Sunny Side of the Street“ swingte bewusst nur in Andeutungen. Als erste Zugabe eine ausgelassene Interpretation von Ellingtons Tanzklassiker „It Don't Mean a Thing“. Besser geht's nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2019)

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