Rufus Wainwright: Die Liebe zum Teufel

Songwriter Rufus Wainwright beglückt mit neuem Album und Konzert. Im "Schaufenster"-Interview spricht der charmante New Yorker über den Tod seiner Mutter, die Sexualität von Shakespeare und Opern.

Rufus Wainwright Liebe Teufel
Rufus Wainwright Liebe Teufel
Rufus Wainwright – (c) Universal

Rufus Wainwright, kanadisch-amerikanischer Songwriter und neuerdings Opernkomponist, veröffentlicht mit „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ sein erstes Album ohne Band. Am 30. 4. stellt er es beim Donaufestival vor.

Was hat Sie eigentlich zum Song „Sad With What I Have“ inspiriert?

Das hab ich für meinen Freund Jörn komponiert. Ich reflektiere darin ein wenig unsere Beziehung im Lichte dieser für mich total intensiven Zeit. Meine Mutter ist ja kürzlich gestorben, gleichzeitig musste ich an meiner Oper arbeiten und permanent touren. Auf eine komi­sche Art ist mein gehetztes Leben aber auch erfüllend. Fad ist mir sicher nicht. Jörn ist jedenfalls mein Lichtblick im ganzen Chaos.

Waren Ihnen Shakespeares Sonette schon vor Ihrer Arbeit mit Regisseur Robert Wilson ein Begriff?

Ein kleines bisschen.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie dann die ­Sonette 43, 20 und zehn für Ihre Vertonung ausgesucht?

Eigentlich war das Jutta Ferbers Entscheidung. Sie war die Dramaturgin des Berliner Ensembles. Es war eine tolle Zusammenarbeit. Beim Komponieren der Musik für Sonett Nummer zehn hatte ich so etwas wie eine Epiphanie.

Sonett Nummer 20 hat ja einiges Entsetzen bei den Zeitgenossen, aber auch bei nachgeborenen Dichtern ausgelöst. Verstehen Sie diese Aufregung?

Nummer 20 ist sehr kontroversiell, richtiggehend verwegen. Es fasst perfekt einen Aspekt von homosexueller Liebe. Es ist erstaunlich, wie zeitgemäß dieses Sonett wirkt.

Glauben Sie, dass Shakespeares eigene Sexualität in diesen Sonetten widergespiegelt ist?

Ich glaube nicht, dass er schwul war. Wenn, dann bisexuell. Vielleicht war er wirklich in diesen Knaben verliebt.

Wie war es, mit Robert Wilson zu arbeiten?

Es war aufregend. Vom ersten Tag an war es ein Lernprozess. Es war faszinierend, aber auch total erschöpfend. Manchmal spannend, manchmal langweilig. Jedes vorstellbare intensive Gefühl wurde da evoziert. Mit anderen Worten: Es war ein Privileg.

Was war die größte Herausforderung der Aufnahmen zu Ihrem neuen Album, das Sie solo mit Piano einspielten?

Meine Herausforderung war in erster Linie technischer Natur. Ich wuchs in einem sehr katholischen Umfeld auf. Mein alte Klavierlehrerin in Quebec drillte uns Schüler. Das ständige Üben der Skalen war ihr wichtig. Ich war zu undiszipliniert dafür. Heute bereue ich es eh. Ich riss eine Neurose bezüglich meiner Pianotechnik auf. Die Nonnen haben am Ende gewonnen. Wahrscheinlich wäre mir das auch passiert, wäre ich in Öster­reich aufgewachsen. Einige der neuen Songs sind ziemlich knifflig zu spielen. Man darf ja nicht vergessen, dass ich gleichzeitig singen muss. Es wird wohl ­eine Tournee brauchen, bis ich das alles wirklich intus habe.

Einer Ihrer neuen Songs heißt „The Dream“. Glauben Sie an die enthüllende Funktion von Träumen, daran, dass sie Botschaften des Unbewussten freisetzen?

Speziell nach dem Tod meiner Mutter vor wenigen
Wochen bin ich davon überzeugt. Sie ist in meinen Träumen präsent. Ich kann nur hoffen, dass ich gewisse Angelegenheiten zwischen uns in Träumen lösen kann. Zu träumen ist sehr wichtig für mich geworden. Ich spreche sehr viel mit ihr.

Mit der Met sind Sie am Ende nicht zusammengekommen. Ihre Oper „Prima Donna“ hatte kürzlich Premie­re in Manchester, spielt nun in London. Wie würden Sie Ihre Erfahrungen damit zusammenfassen?

Es war eine interessante Sache. Nach allen Widrigkeiten bin ich vor allem froh, dass die Oper überlebt hat. Es wird bald auch einen Film über die turbulenten Begebenheiten bei der Fertigstellung von „Prima Donna“ geben. Ich bekam von Anfang an bestimmte Ressentiments aus der Theater- und Opernwelt zu spüren. Es ging teilweise ziemlich hässlich her. Ich musste Oper und Dirigent wechseln. Die Oper ist kein Meis­terwerk, Gott sei Dank, schließlich möchte ich meine Meisterwerke in reiferem Alter komponieren. „Prima Donna“ verändert das Universum nicht, erschüttert die Erde nicht, aber es ist eine wertvolle Arbeit, die man sich wohl mit Gewinn ansehen kann. Jetzt hab ich den Fuß in der Tür, und eine neue Reise kann beginnen.

Der Untertitel Ihres neuen Albums heißt „Songs for Lulu“. Auf welche Art hat Sie diese Figur aus dem Stummfilm „Pandora’s Box“ fasziniert?

Philosophisch betrachtet finde ich es notwendig, sich mit den dunklen Seiten der Existenz zu beschäftigen. Nur so kann man sie entmystifizieren. Meine Persönlichkeit verfügt ja über eine ganz schön intensive dunkle Seite. Das ist wahrscheinlich ein Charaktermerkmal jedes Songwriters. Auf der Suche nach interessantem Material für Songs geht man ständig durch Minenfelder. Künstlerisch gesehen neige ich zur Personifizierung des Üblen, will es exorzieren, indem ich ihm verschiedene andere Namen zuweise. Ich muss vorsichtig sein: Der Teufel ist ständig im Haus, und ich liebe ihn auf verschrobene Weise.

Sie nahmen im Leben wie in Ihrer Kunst gerne Risken auf sich. Bereuen Sie irgendetwas?

Edith Piaf sang so hübsch „Je ne regrette rien“, das tu ich auch. Aber in manchen Augenblicken bereue ich dann wieder alles. Zwischen diesen beiden Extremen wirft es mich ständig hin und her.

TIPP

Live beim Donaufestival Krems, 30. 4., 22.45 Uhr, www.donaufestival.at

All Days are Nights: Songs for Lulu (Universal) www.rufuswainwright.com

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