Ein Zirkus voller Liebe und Sünde, Disco und altem Jazz

KritikDer quirlige Brite Jamie Cullum vereinte in der Wiener Staatsoper Qualität und Kommerz aufs Anmutigste.

Er weiß, wie man sein Publikum dressiert: Jamie Cullum in der Staatsoper.
Er weiß, wie man sein Publikum dressiert: Jamie Cullum in der Staatsoper.
Er weiß, wie man sein Publikum dressiert: Jamie Cullum in der Staatsoper. – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Der Abend begann mit einem raren Moment unverstellter Virilität: Zügig steuerte Jamie Cullum den Flügel an, um sein Konzert solo zu beginnen. Mit der tiefsten, männlichsten seiner Stimmen sang er die sehnsuchtsvolle Melodie von „You Can't Hideaway From Love“, einem Song, der das Weh der Liebe verteidigt: Man möge es ertragen, es gehöre zum Gesamtpaket. Viele Damen im Publikum stimmten sanft mitsingend zu. Dann kamen fünf Musiker und zwei Sängerinnen auf die Bühne, Cullum verwandelte sich in das immerjunge Springinkerl, als das er bekannt ist, und sang das Lied „Taller“, das von der Sehnsucht Kleinwüchsiger, einen späten Wachstumsschub zu erfahren, handelt. Hier wurde schon recht laut mitgesungen.

Cullum versteht nicht nur viel von musikalischer Dynamik, sondern vielleicht noch mehr von Publikumsdressur. Gegen Ende sprangen die Menschen sogar auf Geheiß des wilden Briten, dessen Eltern im Opernhaus anwesend waren. Sie konnten stolz auf ihren ewigen Knaben sein. Dass er demnächst 40 Jahre alt wird, ist ihm keinesfalls anzusehen. Auch nicht anzuhören. Alt ist nur die Musik, die er liebt. Etwa „Hard Times (No One Knows Better Than I)“, das er sehr glaubwürdig interpretierte.

 

Der Flügel wurde live repariert

Sein Anschlag war wie immer wild und beseelt; die Blue Notes tröpfelten ihm nur so aus den Fingern. Vieles klang nach den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, als Les McCann, Junior Mance und Ray Charles definierten, wie rau der Soul vorgebracht werden darf. Da streikten ein paar Saiten. Sie wurden live repariert: Während ein junger Mann mit Taschenlampe im Mund im Bauch des Flügels hantierte, extemporierte Cullum munter. Und war gleich im nächsten Szenario. Mühelos wechselte er zwischen Bariton und Falsett, zwischen Eleganz und Selbstironie, die bei ihm ganz wichtig ist. Sein Pathos dosiert er schlau, wechselt rasch in den Modus der Erdigkeit. Zwischen vital pfeifenden Disco-Funk-Nummern wie „Usher“ platzierte er alten Stoff: den durch Esther Phillips unsterblich gewordenen Song „What A Difference A Day Makes“ oder „I'm Just A Gigolo“, für das er sogar ins Auditorium sprang, um dort geschmeidig auf und ab zu wieseln.

Manchmal verließ er sich auch auf modernere Kompositionskunst. Mit Beatbox-Mimikry leitete er effektvoll Lauryn Hills „Ex-Factor“ ein, er zelebrierte Nina Simones wildes „Sinnerman“, wo Gott einen die Reue nur vorschützenden Sünder mit einem trockenen „Go to the devil“ abweist.

Cullums Performance hat etwas Circensisches. Er absolviert seinen Parcours wie ein braves Turnierpferd. Einmal vom Klavier springen, einmal Schlagzeug spielen, einmal in die Menge springen. „Mixtape“ war diesmal die Zugabe. Der Titel passt gut zum Kessel Buntes, den Cullum serviert. Gegen den Brexit ist er natürlich auch. „A rubbish idea“ nannte er ihn. Auch dafür wurde ihm applaudiert. Alles gut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2019)

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