Charles Lloyd: Eine exzessive Gitarre störte die Jazz-Andacht

Charles Lloyd überraschte im Porgy & Bess mit vitalen Fusion-Sounds, Gitarrist Julian Lage war auf Ego-Trip.

Charles Lloyd (Archivbild: 2016).
Charles Lloyd (Archivbild: 2016).
Charles Lloyd (Archivbild: 2016). – (c) REUTERS (Denis Balibouse)

Der Klang seines Saxofons hat seit bald 55 Jahren die betörende Qualität eines Sirenengesangs. Doch anders als die altgriechischen Sirenen, die Schiffer ins Verderben lockten, will Charles Lloyd nicht töten. Gefangen nehmen schon. Und so hingen die Besucher des Porgy & Bess rasch am bitter-süßen Sound von „Defiant“, einer dieser elegischen Melodien Lloyds, die man für ein unbekanntes Volkslied halten könnte.

Seit Mitte der Sechzigerjahre kreuzt Lloyd die Freiheit des Avantgardejazz mit populären Rhythmen und Weltmusik. Er war einer der ersten Jazzer, die vom Rockmusikpublikum akzeptiert, ja geliebt, wurden. Lange vor Miles Davis trat er in Rocktempeln wie dem Fillmore West auf. „Forest Flower“ sein Album von 1966, war eine der ersten Jazzplatten, von der mehr als eine Million Stück verkauft worden sind. Der junge Keith Jarrett spielte damals in seiner Band.

Immer noch lockt es junge Spitzenspieler zu ihm. In den letzten Jahren etwa die Pianisten Jason Moran und Brad Mehldau. An diesem Abend war Lloyd von zwei Gitarristen umrahmt: vom bluesig-funkig spielenden Afroamerikaner Marvin Sewell, der die gehaltvolleren, weil pointierteren Soli brachte, und vom 31-jährigen Julian Lage, der als Wunderkind des aktuellen Fusionjazz gefeiert wird. Im ersten Stück hielt er sich noch zurück, wurde aber immer exzessiver. Mit dem dritten Stück, dem Lloyd-Klassiker „Of Course, Of Course“, war er auf Betriebstemperatur. Was als kurze Einlage erfrischend gewesen wäre, nervte mit jeder Nummer mehr: sterile, helltönende Läufe, die sich selbst genügten. Sogar in schönste Motive Lloyds spielte er hinein. Diesem schien es recht zu sein, denn so konnte er sich öfters hinten auf seinem Bankerl ausruhen. Immerhin dauerte das Konzert zweieinhalb Stunden. Ein Kraftakt für einen Mann von 81 Jahren. Der rein äußerlich, stets nach neuester Mode gekleidet, erstaunlich jung wirkt.

Wie sein Saxofonton, den er diesmal viel zu selten ins Moll tauchte. Angetrieben von den Gitarristen, wurde das Konzert großteils ein Uptempo-Event. Nur Lloyds „Requiem“ und die zarte Interpretation des alten kubanischen Schlagers „Ay Amor“ retteten den Abend davor, zum Fusion-Exzess zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2019)

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