Glatt & verkehrt: Viel, allzu viel Fröhlichkeit aus aller Welt

Mit der kapverdischen Sängerin Lucibela und dem deutschen Jazzer Rolf Kühn ging das Kremser Weltmusikfestival zu Ende. Ihm fehlte es heuer an Tiefe und wirklich großen Musikerpersönlichkeiten.

Rolf Kühn (Archivbild).
Rolf Kühn (Archivbild).
Rolf Kühn (Archivbild). – (c) imago/Hartenfelser (imago stock&people)

Seit Ö1-Mann Albert Hosp die Festivalleitung von Mitbegründer Jo Aichinger übernommen hat, ist das Kremser Weltmusikfestival Glatt & verkehrt nicht gerade pfiffiger geworden. Da halfen auch keine salbungsvollen Einführungen wie jene von Kurator Johann Kneihs, der die 33-jährige kapverdische Sängerin Lucibela als Nachfolgerin der großen Cesária ?vora belobhudelte. Sie mag mit einer hübschen Stimme ausgestattet sein, doch zählt sie nur zur leichten Brigade. In ihrer Musik geht es nicht um den Umgang mit existenziellen Ausweglosigkeiten, sondern eher um deren Verdrängung. Einige Jahre lang hat sie auf mehreren Inseln des Archipels ihre Kunst in Touristenhotels ausgeübt. So herrschte auch bei ihrem Konzert in Krems im vorgetragenen Repertoire ein wenig zu viel Lieblichkeit. Etwa in „Laço Umbilical“, einer zarten Morna – diese molllastige Liedart ähnelt in ihrer sehnsuchtsvollen Anmutung sehr dem portugiesischem Fado –, in der es um die Liebe zur heimatlichen Scholle ging. Besser stand ihr das zweite kapverdische Genre: die flotte, tanzbare Coladeira. „Mal Amadu“ hieß einer dieser gefälligen Wackelsongs, die Lucibela makellos darbrachte. Auch das mit Jo-Jo-Chören gepolsterte „Ti Jon Poca“ lebte von seiner Leichtigkeit. Einsamer Höhepunkt war „Negue“, ein Lied, das Saudade ausstrahlte, jene unbestimmte Sehnsucht, nach der nicht nur die Portugiesen süchtig sind.

 

Delikater „Tango Loco“

Seine Sozialisation im Jazz konnte der fast 90-jährige Klarinettist Rolf Kühn nicht verleugnen. Er war als Gast des famosen Duos Klaus Paier und Asja Valcic höchst vital zugange. Zunächst eröffneten die beiden mit dem delikaten „Tango Loco“, bei dem sich gleich zeigte, wie großartig Akkordeon und Cello zusammenpassen. Danach führte der „Train to Norway“ direkt auf jazziges Gelände. Kühn blies kraftvoll in seine Klarinette. Er ist der heiteren Seite der Existenz zugewandt, die Melancholie scheut er eher. Das mit viel Mundperkussion eingeleitete „Mona“, eine Komposition des ebenfalls mitspielenden Patrice Héral, zeigte, dass es oft besser ist, nichts über die biografischen Einzelheiten zu wissen, in denen Stücke entstehen: Mittels Silbengesang hat Héral den einstigen Brabbeleien seiner heute 23-jährigen Tochter ein Denkmal gesetzt, das diese gar nicht so gern hat. Das Kremser Publikum dagegen genoss das Stück mit seinem Exzess an ungeraden Takten. Gehaltvoller war etwa Valcics Komposition „Ricochet“, zu der das Akkordeon musettemäßig weinte.

Das Festivalfinale gehörte dem sich jugendlich gebärdenden, de facto recht reifen Trio aus dem Pianisten Omar Sosa, dem Kora-Spieler Seckou Keita und dem Perkussionisten Gustavo Ovalles. Kuba, Senegal und Venezuela trafen sich in dieser heiteren Musik. Bei aller Virtuosität vergaßen die drei nie auf den Zauber der Simplizität. Es begann mit dem ernsten Friedensgebet in „Peace Keeping“, endete im kindlich-fröhlichen „A-La-Lelo“. Recht bald tanzte das 50 bis 70 Jahre alte Publikum, schwang risikofreudig mit Hüften und Popo. Auf Geheiß von Keita wurde nicht nur gewackelt, sondern auch gegrinst. „Smile!“, befahl er, und sogar Menschen, die sonst nicht viel auf den Lächelreflex geben, taten es ihm gleich.

Fazit: Vieles geriet zur Freude, war aber nach Verklingen vergessen. Glatt & verkehrt braucht wieder Einprägsames, wie es einst der Auftritt des Flamencosängers Agujetas war. Wir üben uns in Geduld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2019)

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