Politik und Ekstase, Biologie und Erotik mit einer klugen Band

KritikSie singen über Liebesekstasen, Ex-FBI-Chef James Comey und ewig lebende Krebszellen: Auch wenn ihre Songs neuerdings weniger vertrackt klingen, sind Yeasayer dem Geist des Experimentierens treu geblieben. Nun begeisterten sie in der Wiener Grellen Forelle.

Beseelt: Yeasayer-Sänger Chris Keating in der Grellen Forelle am Wiener Donaukanal.
Beseelt: Yeasayer-Sänger Chris Keating in der Grellen Forelle am Wiener Donaukanal.
Beseelt: Yeasayer-Sänger Chris Keating in der Grellen Forelle am Wiener Donaukanal. – Samir H. Köck

Mit dem wunderbar blechernen Sound des Prince-Oldies „Erotic City“ läuteten Yeasayer ihren Auftritt stilgerecht ein. Das Wort „Erotic“ kommt schließlich auch im Titel ihres im Juni erschienenen, fünften Albums prominent vor: „Erotic Reruns“. Tatsächlich war die Stimmung in der Wiener Elektronikmusikzentrale Grelle Forelle von Beginn an libidinös angeheizt. Leicht bekleidete Mädchen drängten sich an den Bühnenrand.

Die Musiker, insbesondere der in einem Overall steckende Bassist, kamen rasch ins Schwitzen. Schräger Harmoniegesang, treibende Rhythmen – und schon war dieses progressive Quartett im Szenario von „Madder Red“, einem ihrer eigenen Klassiker. Was diese Band so gut kann: das Verkopfte und das Sinnliche in innigen Bezug zu setzen. Die zart psychedelische Anmutung ihrer Musik erinnert ein wenig an die geniale britische Siebzigerjahre-Band 10cc. Bloß, dass Yeasayer mehr R&B-Grooves einsetzen, wenngleich meist in dekonstruierter Form. Die unvermittelten Brüche in der Musik hatten zur Folge, dass sich beim Tanzen niemand an erlernten Mustern festhalten konnte, sondern hübsch improvisieren musste. Das Gros der Besucher verrenkte sich auf exzentrische Art, was auch mit den abgehandelten Themen zu tun haben konnte.

Die Zellen der Henrietta Lacks

„Henrietta“ beispielsweise, ein Song, der mit zwei eindrucksvollen Breaks protzte, handelte von einer Sterbenden und klang trotzdem euphorisch wie selten was. Es war die Geschichte der krebskranken Afroamerikanerin Henrietta Lacks, die noch als lebende Patientin zum Eigentum der Wissenschaft erklärt wurde. Aus einer ihr entnommenen Gewebeprobe wurde die erste unsterbliche menschliche Zelllinie kultiviert. Diese nach ihren Initialen HeLa genannten Zellen werden bis heute in der medizinischen Forschung eingesetzt.

So richtig salopp ließ es sich zu derlei Themen nicht tanzen. Dann eher schon zu den neueren Songs, die von der Vielschichtigkeit des Frühwerks ablassen. Als Motto für diesen künstlerischen Schwenk könnte ein Sager von Tom Petty dienen: „Don't bore us, get to the chorus.“ Songs wie „Ohm Death“ und „Fluttering In The Floodlights“ bezirzten mit ungewohnter Geradlinigkeit, die manche alte Fans als Markenzerstörung empfinden. Als Konstante zwischen den frühen, vertrackten Songs und den neuen, stromlinienförmigeren Szenarien geblieben ist der beseelte Gesang. Der drahtige Keyboarder Chris Keating ist formal der Leadsänger, aber auch Gitarrist Anand Wilder und Bassist Ira Wolf Tuton glänzten mit tief empfundenen Heulereien. Über allerlei hochwissenschaftlich anmutende Keyboard- und Gitarrensounds erhoben sich jubilierende Kindermelodien à la „People I Loved“ und „Ecstatic Baby“. Sie verlockten zur lustvollen Regression in (beinah) vergessene infantile Gefilde.

Das Finale war erhaben. Erst stimmte „Blue Skies Dandelion“ mit seinen Anspielungen auf den von Donald Trump geschassten FBI-Chef James Comey nachdenklich. Es folgte Ekstase pur mit dem psychedelischen „Ambling Alp“. Obwohl die Band von den Publikumsreaktionen begeistert schien, ließ sie sich nicht dazu verführen, ihren geheimen Hit „I Am Chemistry“ zu spielen. Schade, aber dennoch schön. Sehr schön sogar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2019)

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