Rammstein in Wien: Grausame Lustbarkeiten für weiche Herzen

Rammstein schrammelten beim ersten von zwei Konzerten im Wiener Ernst-Happel-Stadion brutale Riffs, schrien schröckliche Refrains und feuerwerkten ganz in der Tradition des Wiener Praters.

Wie Figuren aus seltsamen Comics stand die Band auf der Bühne.
Wie Figuren aus seltsamen Comics stand die Band auf der Bühne.
Wie Figuren aus seltsamen Comics stand die Band auf der Bühne. – (c) Imago

Rammstein oder Helene Fischer, wen hören Sie lieber?“ Bei dieser Frage von Sandra Maischberger kam der sonst so situationselastische bayrische Ministerpräsident Markus Söder vor ein paar Tagen ins Straucheln. Es dauerte recht lange bis er sich für Helene Fischer entschied. Dass ein CSU-Mann überhaupt diese mit ästhetischen Versatzstücken aus dem Totalitarismus tändelnde Band in Erwägung ziehen kann, zeigt, wie sehr Rammstein in die Mitte gerückt sind. Mit ihrem neuen Album „Deutschland“ und einer Zeile wie „Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“ haben sie sich erstmals klar deklariert. Die Musik von Rammstein ist doch nicht der Soundtrack des deutschen Rechtsrucks.

Manche Fans haben das eh schon immer gewusst, anderen negieren es immer noch bewusst. Ein wenig unheimlich konnte einem also schon werden, als die martialisch aussehenden Massen „Deutschland, Deutschland“ skandierten. Überhaupt, das Publikum, es war seltsam gemischt. Zwischen angereister Dorfjugend, friedhofsblonden Altrockern und Hardcore-Fans standen recht seriös aussehende, mittelalterliche Wesen. Wohl Abgesandte der Klassikfraktion. Wer Wagner liebt, der stößt auch Rammstein nicht von den Gehörknöchelchen. Beispiele? Die Dresdner Sinfoniker gaben vor einigen Jahren einen sinfonischen Liederzyklus nach Rammstein-Songs in Auftrag. In Schwerin gab es sogar einmal einen Ballettabend nach ihren wüsten Melodien. Und Rammstein selbst haben ja 2015 ein Album produziert, bei dem der Pianist Clemens Pötzsch ihre Lieder in klassischem Duktus spielte.

Für die aktuelle Stadiontournee haben Rammstein die Damen des französischen Duo Jatekok engagiert, um mit liebreizenden Klavierversionen von eigenen Klassikern wie „Sonne“ die Menge aufs Eigentliche einzustimmen. Den Übergang markierte eine markerschütternde Explosion. Wie Figuren aus seltsamen Comics stand die Band jetzt auf der Bühne. Rammstein, das ist ja auch immer Zirrrrrkus. Sänger Till Lindemann, nachgeborener Virtuose des rollenden R, kam traditionell über eine Treppe aus dem Untergrund.
Schon mit der ersten gesungenen Zeile „Ich kann auf Glück verzichten, weil es Unglück in sich trägt,“ geleitete er in einen finsteren Winkel seiner Seele. Lindemann empfahl Hass als Triebmittel der Liebe. Ein bisserl so wie das Salz im süßen Kuchenteig soll es wirken. Selbstverständlich ging die Balance flöten: „Was ich liebe, das wird verderben, wer mich liebt, geht dabei ein.“

Rammstein und der Gestus der Kaltherzigkeit

Emotionen sind stets ein Gwirx. Das sparen sich Rammstein. Stattdessen kultivierten sie einen Gestus der Kaltherzigkeit, der Staunen macht und Bewunderung hervorruft. Vor allem bei jener bekannten Spezies, die sich grimmig tätowieren und piercen lässt, in Wahrheit aber an butterweichem Herzen laboriert. Für diese Klientel wirkt so ein wüster Rammstein-Auftritt wohl wie eine Impfung gegen die realen Brutalitäten des Lebens.

Bei „Links 2-3-4“ kokettierte die Band mit dem Marschrhythmus. „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch seh ich dann nach unten weg, dann schlägt es links.“ Lindemann, grotesk geschminkt, angezogen wie ein Gruselmärchenkönig marschierte jetzt im Stand. Keyboarder Flake tupfte sein Instrumentarium vom Laufband aus an. Alle waren in Bewegung, keiner kam vom Fleck. Das war Albtraumhaftigkeit wie aus dem Katalog. Lindemann klopfte jetzt die Klischees ab, die die deutsche Lyrik dem Herz angetan hat. „Können Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen? Können Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein?“

Die Texte von Rammstein sind von großer Reduktion. Auch ihr Sound scheint in Matador-Bauweise gefertigt. Die Kombination aus Hardcore, Horror und Humor ist zudem der slowenischen Band Laibach geschuldet. Das wird gerne verwischt. Aber Rammstein machen auch einiges besser als Laibach. Ihre kristalline Härte ist facettenreicher. Die Riffs, die die beiden Gitarristen Kruspe und Landers entriegelten, verschoben mehr als nur Frisuren. „Puppe“, zu dem Lindemann einen überdimensionalen Kinderwagen auf die Bühne schob, aus dem bald die Flammen leckten, war ein erstes Highlight. Den Refrain „Und dann reiß ich der Puppe den Kopf ab, und dann beiß ich der Puppe den Hals ab. Es geht mir nicht gut,“ sangen die Massen entrückt mit. Angstlust deluxe! Auch andere Songs des neuen Albums funktionierten live ausgezeichnet. Die Ballade „Diamant“ etwa und natürlich „Radio“, die volkstümliche Hymne auf den Äther.

Andere Highlights dieses Theaters der Grausamkeit auf Schundheftchenniveau waren „Du hast“, „Mein Teil“ und „Sonne“. Das Highlight der Feinsinnigen war dann das auf der kleinen Bühne gemeinsam mit dem großartigen Duo Jatekok gegebene „Engel“. Danach ging es auf die Hauptbühne zum großen Finale. Ein von einem Scooter-artigen Synthieriff befeuertes Stück klang auch von außerhalb des Stadions beeindruckend. Ein vielstimmiges „Ich bin ein Ausländer – mi amor, mon chèri!“ schallte da aus dem Oval. Das klang weniger nach Konzert, eher nach explosionsunterstützter Ethikunterricht für Schwererziehbare. Kurios jedenfalls.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2019)

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