Bobbi Humphrey: Auf Flötenklängen durch Harlem sausen

Das eben neu edierte Album „Blacks And Blues” der Flötistin wurde erst retrospektiv als Meisterwerk erkannt. In ihm spiegeln sich die gesellschaftspolitischen Sehnsüchte der Siebzigerjahre.

Bobbi Humphrey - Blacks And Blues, Blue Note.
Bobbi Humphrey - Blacks And Blues, Blue Note.
Bobbi Humphrey - Blacks And Blues, Blue Note. – (c) Blue Note

Unumstritten ist sie nicht, die Flöte als Jazzinstrument. Eine lange Tradition hat sie aber auch. Sogar Saxofonist Charlie Parker, Idol der Bebop-Generation, hat sich mit ihrem Klang beschäftigt. So richtig populär machten sie aber erst Herbie Mann und Hubert Laws in den späten Sechzigern. Die beiden waren auch Vorbild für die aus Texas stammende Flötistin Bobbi Humphrey, deren wichtigste Platte „Blacks And Blues“ von 1973 eben neu auf Vinyl ediert wurde.

Das Cover zeigt nicht nur das lachende Konterfeit der Künstlerin. „Bobbi Humphrey. Where's she coming from? Where's she going to?”, wird darauf gefragt. Dann der Versuch einer Antwort: „First principle: she's positive energy. Black energy, a black woman leaping oceans and continents at a single bound.” Der schwärmerische Unterton hat seine Berechtigung. Wiewohl Humphrey auch danach ausgezeichnete Werke veröffentlicht hat, ist „Black And Blues“ der frühe künstlerische Kulminationspunkt ihrer Karriere. Die Eröffnungsnummer „Chicago, Damn“ beginnt mit Windgeräuschen, die Kälte vortäuschen. Nach Bass- und Klavinettmotiven entfaltet sich allerdings so etwas wie der ultimative Sommersound. Zarte Gitarrenlicks kommen hinzu und dann weicher Gesang, der eine politische Message transportiert: „Late at night when things go wrong, skyways smoking, nobody's joking, people come in, old enough to vote.“

Die Flöte beginnt zart. Bald steigern sich ihre Klänge zu wütenden Kaskaden, die Seite an Seite mit schrägen Synthesizereinschüben wetteifern. Das nächste Stück „Harlem River Drive“, Hommage an eine wichtige New Yorker Verkehrsader, wurde ein großer Hit des Jazzfunk. Humphrey steigert sich hier in eine Soulfulness, die rar ist im Jazz. Auch beim mit heller Stimme intonierten „Just A Love Child“ ist der Spirit einer Ära zu vernehmen, in der es darum ging, den Kleinfamilienegoismus zurückzustellen und sich als Teil einer größeren Einheit zu definieren.

Auf Seite zwei geht es mit hypnotischen Grooves weiter; die von glühenden Flötenklängen unterfütterten Wechselgesänge zwischen Freddie Perren und Bobbi Humphrey pendeln sich zwischen Agonie und Ekstase ein. Dass „Blacks And Blues“ eine epochale Platte war, definierte erst eine spätere Generation. Für die Zeitgenossen war dieser Sound zu selbstverständlich. Es brauchte die Generation „Acid Jazz“ (1988), um dessen Originalität und Schönheit zu erkennen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2019)

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