Eindrucksvollste Rockerin seit Patti Smith

Courtney Barnett bestach im Wiener Flex mit Aufbegehren und penibel strukturiertem Lärm.

Courtney Barnett.
Courtney Barnett.
Courtney Barnett. – (c) imago images / PA Images (Richard Gray)

Seit ihrem famosen Debütalbum „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“ (2014) gilt die 30-jährige Australierin Courtney Barnett mit ihrem in die Eingeweide schneidenden Gitarrenstil vielen jungen Musikerinnen als Vorbild. Sie ist ein Role Model. Das merkte man im Flex auch an der Zusammensetzung des Publikums, das – ungewöhnlich für ein Rockkonzert – zumindest zu 50 Prozent aus Frauen bestand. Vor ihm sang Barnett vorbildlich schnoddrig ihre Texte, die oft von Verletzungen handeln, die kuriert werden sollen. Gleich mit der ersten Nummer „Hopefullessness“ kam die passende Parole zum scharfen Riff: „Take your broken heart and turn it into art.“ Das Publikum ging sofort mit. Nicht Hüften schwingend – das geht nicht bei dem Wall of Sound dieses Trios–, eher mit vogelartigem Kopfruckeln.

Seit den frühen Tagen von Patti Smith hat man keine Frau mehr gesehen, die ihren Punk so klug vorträgt. Denken und Wüten sind bei Barnett kein Widerspruch. Einer ihrer Songs heißt „I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch“: Darin wehrt sie sich gegen die verbreitete Rollendichotomie Heilige versus Hure.

Ein früher Höhepunkt der Show war das beschwipste „Avant Gardener“. Darin beschrieb sie einen wüsten Vorgarten. Jäh brach kleinbürgerliches Wünschen durch: „I wanna grow tomatoes on the front steps, sunflowers, bean sprouts, sweet corn and radishes.“ Und doch muss sich niemand Sorgen machen, dass sie zur Gärtnerei wechselt. Paradeiser brauchen viel mehr „love and attention“, als Barnett im jetzigen Stadium ihrer Karriere aufbringen könnte. Und das Wildsein taugt ihr ohnehin mehr als alles andere. Ausufernde zelebrierte Kracher wie „Small Poppies“ und „Pedestrian At Best“ bewiesen dies.

Zur Zugabe folgte das rauschende Bekenntnis „Cripplin Self Doubt And a General Lack of Self Confidence“, ehe sie mit „History Eraser“ ein tosendes Ausrufezeichen setzte. Dieses Lied handelt davon, dass sie im Traum den besten Song ihres Lebens schreibt. Selbstverständlich kann sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern, wie er geht. Es wird ihr einfallen: Trotz aller Qualitäten, diese Frau hat ihre besten Songs wohl noch vor sich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2019)

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