Paolo Nutini: Ein Knabe, der den Mädchen gefällt

Paolo Nutini, schottischer Working-Class-Crooner, bewies sich in der Wiener Arena einmal mehr als Wonnemacher. Die Quellen, die er in seiner Kunst anzapft, liegen tief in der Tradition des R&B.

Paolo Nutini Knabe Provinz
Paolo Nutini Knabe Provinz
(c) EPA (GUIDO MONTANI)

Ein wirres Haarnest, sinnliche Lippen, Knopfaugen, heisere Stimme – an Paolo Nutini können weibliche Teenager erste mütterliche Gefühle üben. Und doch wohnt so etwas wie eine alte Seele im 23-jährigen Singer-Songwriter aus dem schottischen Paisley, der, statt brav den Fish'n'Chips-Kiosk des Vaters zu übernehmen, seinen Ranzen packte und in die Welt des Pop strawanzte. Entdeckt wurde er von Ahmet Ertegün, dem legendären amerikanisch-türkischen Musikmogul und Gründer des Labels Atlantic. Die Quellen, die er in seiner Kunst anzapft, liegen tief in der Tradition des R&B. Darüber können auch Ausflüge in den Reggae und den konventionellen Rock nicht täuschen.

Sein erstes Wien-Konzert als Headliner startete Nutini mit dem ausgelassenen Reggae „10/10“, der auch Opener seines zweiten Albums „Sunny Side Up“ ist, das in England 2009 auf Platz eins der Charts schoss. Mit geschlossenen Augen bog er sich seinem vornehmlich aus Mädchen bestehenden Publikum entgegen. In schlichtes Grau gekleidet, kommunizierte er all seine Farben über die Stimme. Seinen zwischen Falsett und Heiserkeit pendelnden Gesangsstil, der nicht mit Pathos spart, könnte man auch grotesk finden. Doch seine Erdung im Working-Class-Milieu ist das wichtige Gegengewicht zu all den ritterlichen und romantischen Posen, in die er sich in seinen Liedern zwingt. Mit seiner Weigerung, vom breiten schottischen Dialekt zu lassen, hat er schon manchen BBC-Reporter zur Verzweiflung gebracht. Auch in der ausverkauften Open-Air-Arena konnte man nur rätseln, was dieser junge Mann zwischen seinen Songs so sagen wollte. Seine leicht wirren Monologe wurden von so manchem Gläschen Alkohol befeuert, wohl war auch so mancher süßer Tschick mit im Spiel. Ein bisserl Sorgen muss man sich schon um ihn machen!

Aber sobald die Band im Groove war, war Nutini auf Schiene. Mit brokatbesetzter Kehle schnurrte er durch eigene Songs wie „High Hopes“, erzählte von der Verstörung des Provinzknaben in der großen Stadt London („These Streets“), von reichlich Herzschmerz, aber auch vom Wissen darüber, wie Attraktivität einzusetzen ist. Etwa im neuen „Bear Me in Mind“, das mit der schönen Zeile „You look just like Brigitte Bardot, resting on a blanket, in a Paris penthouse on the Sacre Cœur, sipping on your icecold daydream, giving off this vintage air of lust and confidence“ bezirzte. Der geheime Liebhaber fordert kühn: „Just bear me in mind, when your husband comes home.“

 

Erinnerung an Phil Spector

Mit markanter Stimme herzte Nutini seine Hits „Growing Up Beside You“ und „Candy“ und beseelte Songs wie „Last Request“, schmachtete Liebesschwüre wie „Darling, I'll bathe your skin, I'll even wash your clothes, just give me some candy before I go“. Dazu seufzten die Gitarren, schluchzte die Trompete, sangen die vielen textfesten Fans lauthals mit. „It takes a worried mind to sing a worried song“, kommentierte Nutini. Ein hinreißender Abend, der mit einer entrückten Version von „Spanish Harlem“ endete, dem von Phil Spector produzierten Drifters-Hit. Nutini, belehrend: „Do you know Phil Spector? No? Crazy hair, gun, puff!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2010)

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