Franz Hautzinger: „Das Experimentelle liegt mir“

Der Trompeter und Komponist Franz Hautzinger tüftelt am Eröffnungskonzert für Saalfelden und nähert sich nach vielen Experimenten wieder dem Jazz an.

„Die Presse“: Sie bestreiten heuer das so wichtige Eröffnungskonzert in Saalfelden. An welcher Art von Projekt tüfteln Sie?

Franz Hautzinger: Im Laufe der Jahre wurde ich immer wieder nach Saalfelden eingeladen, wenn es Schwerpunkte zum Thema Elektronik und Avantgarde gab. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht zur Jazzszene gehöre. Durch die Einladung heuer hat sich dieses Bild für mich umgedreht. Heuer mache ich erstmals ein Jazzprojekt. Ich bereite mich seit Monaten vor, studiere viele alte Jazztrompeter von Don Cherry bis Louis Armstrong. Ich nütze diesen Auftrag, um mich mal intensiv mit der Jazzhistorie auseinanderzusetzen.

Warum ist das Wörtchen Jazz in den letzten zwei Jahrzehnten so ein problematischer Begriff geworden?

Hautzinger: In den Achtzigerjahren sind die meisten avantgardistischen Geister aus den traditionellen Stilen abgezogen und haben sich eigene ästhetische Welten gebaut. Es war den meisten wichtig, einen möglichst ungefärbten Stil zu kreieren. Auch mein Bestreben war damals, größtmögliche Distanz zum Jazz aufzunehmen, um reiner zu sein. Im Nachhinein hat sich bei den meisten herausgestellt, dass das ohnehin illusionär war. Mein „Gomberg“-Album hat die Sache für mich geklärt. Seither nähere ich mich dem Jazz wieder an. Dabei kam mir zupass, dass sich meine Lippen nach langer Krankheit total erholt haben und es mir deshalb viel Spaß macht, konkreter zu spielen.

 

Abstrakt agierten Sie aber als Gast auf David Sylvians meisterhaftem Album „Manafon“. Wie lief diese Session ab?

Hautzinger: Kollegen wie Christian Fennesz, Burkhard Stangl, Werner Dafeldecker und ich fanden sich im Amann Studio in der Neustiftgasse ein. Sylvian auch. Er ersuchte uns zu improvisieren. Ich wollte konkretere Angaben. Es blieb vage. Ich habe lange darüber nachgedacht. Er wollte wohl seinen Spirit wirken lassen, uns mit seiner Anwesenheit anstacheln. Ich hätte mir nie gedacht, dass dieses Material, das er dann noch bearbeitet hat, jemals rauskommt.

 

Auch auf der neuen Patrick-Pulsinger-CD „Impassive Skies“ spielen Sie eine prominente Rolle.

Hautzinger: Wir pflegen seit vielen Jahren einen kreativen Austausch. Er ist ein ganz digitaler, ich bin ein ganz analoger Typ. Das ist der Ausgangspunkt. In Phasen, in denen ich sehr viel übe und gut drauf bin, rufe ich ihn oft spontan an, um aufzunehmen.

Radu Malfattis Philosophie einer Musik der Stille hat starke Bedeutung für Sie gehabt. Warum?

Hautzinger: Es war so um die Jahrtausendwende, als alles im Wanken war. Alle Stile waren gespielt, alle Konzepte ausformuliert. Wien hatte immer schon einen Hang zum reduzierten Spiel, was die Trompete anlangt. Damals zog Malfatti aus Köln nach Wien und beeinflusste viele Musiker. Den Dafeldecker, den Schneider, den Stangl und mich. Wir trafen einander immer in einer Wohnung. Am Beginn gab es Psychoschlachten. Wir fragten uns, wie kann man eine Stunde lang mit drei Signalen spielen? Nach zwei, drei Jahren hatte sich herausgestellt, dass dieser Punkt eine Kreuzung war. Jeder ging dann seinen eigenen Weg.

 

Was halten Sie von der Illusion der ewigen Progression in der Kunst?

Hautzinger: Ich bin kein ausgesuchter Avantgardist. Es hat sich einfach herausgestellt, dass mir das Experimentelle, dieses Verändern, dieses Weitertun, in der Natur liegt. Ich komm auch vom Land, da gibt es keine Bildung. Deshalb komme ich nicht von der Idee, sondern vielmehr von meinen Instinkten. Die Trompete ist außerdem ein Instrument, das man, wenn man zwei Wochen lang nicht geübt hat, praktisch neu lernen muss. Ich muss mir meine Kunst ständig neu erarbeiten.

 

Sie haben eine Auftragsarbeit für Villachs Pfarre „Heiligste Dreifaltigkeit“ gemacht.

Hautzinger: Pfarrer Peter Deibler hat mich angerufen, dass er etwas von mir im Radio gehört hätte, das in ihm den Wunsch ausgelöst hat, mich für diese Messe zu engagieren. Zunächst musste ich lachen, weil ich als ehemaliger Ministrant und Internatszögling mit den Katholiken nichts am Hut hatte.Dann aber dachte ich mir, dass das reizvoll sein könnte. Vielleicht könnte etwas Spirituelles dabei herauskommen. Tat es leider nicht. Dennoch war es spannend, sehr meditativ. Ich und die Klarinettistin Isabelle Duthoit setzten einen Ton nach dem anderen. Wir spielten auch über die Worte des Pfarrers, das hat einige verwirrt.

 

Kommen wir zum Jazz zurück. Gibt es auf diesem Feld noch die Möglichkeit, originelle Statements abzusetzen?

Hautzinger: Man kann nie sagen, dass alles Wesentliche passiert sei. In den 1980er-Jahren herrschte im Jazz eine große Krise, heute schaut es aber wieder ganz gut aus. Diese Musik hat eine wahnsinnige Kraft und Tiefe.

Worum geht es jetzt bei Ihrem Saalfelden-Projekt „Third Eye“?

Hautzinger: Ich möchte der ganzen Jazzgeschichte gegenüber offen sein. Ich werde mit Leuten, die sich darin sehr gut auskennen, eine neue Musik formen: mit Granden wie dem Bassisten William Parker, dem Schlagzeuger Tony Buck und drei Bläsern. Wir wollen intuitiv an die Essenz des Jazz gehen.

PROGRAMM

31. Jazzfestival Saalfelden, 26. bis 29.8.
Das von Michaela Mayer und Mario Steidl kuratierte Festival lockt mit Größen wie Marc Ribot, Roy Nathanson, Odean Pope, Myra Melford, Terje Rypdal & The Bergen Big Band, The Jazz Passengers und anderen.

Info: www.jazzsaalfelden.com

Tel.: +43/(0)6582/70660-12

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2010)

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