Grönemeyer: "Singen hilft einem durchs Leben"

An den Briten liebt er die Selbstironie - an Charles Aznavour, dass er mit leisen Tönen viel Wirkung erzielt. Über sich sagt Herbert Grönemeyer, dass er ohne Musik "sicher unausstehlich" wäre.

Groenemeyer Singen hilft einem
Groenemeyer Singen hilft einem
Grönemeyer – (c) AP (JENS MEYER)

Seit vielen Jahr sind Sie Star. Wie ist das, wenn sich Menschen, die man trifft, größtenteils ins Bewunderungsübungen ergehen?

Herbert Grönemeyer: Da steht man ein bisschen neben sich. An Tagen, wo man das gerade braucht, ist das angenehm, ansonsten ist man eher verwundert. Besonders wenn es überschwänglich wird, weiß man nicht damit umzugehen.

Sie leben halb in London, halb in Berlin. War das oft unterschätzte Gut „Anonymität“ ein Grund, ins Ausland zu gehen?

Es gab mehrere Gründe. Wir zogen hin, als meine Frau schon sehr krank war und Angst hatte, dass die deutsche Presse das rauskriegt. Zudem wollten wir, dass unsere Kinder groß werden können ohne die Last des Namens. Für mich selbst war es auch gut. Man vergisst zuweilen, wer man ist. Im Ausland muss man sich ohne jedwede Vorteile behaupten. Das ist für den Charakter ganz gut.

Was schätzen Sie an den Briten, was den Deutschen abgeht?

Die Briten haben einen viel höheren Grad an Selbstironie. Außerdem haben sie höhere Leidensfähigkeit, bevor sie unruhig werden. Wenn der Engländer sagt „It was a rough day“, dann hätten sich die Deutschen längst kollektiv aufgehängt. Nichts funktioniert in England, und es geht doch. So viel ist auf ein Minimum reduziert. In Deutschland ist es umgekehrt. Wir machen aus Angst alles perfekt. Es gibt eine vergleichende Untersuchung über die Bahn. Deutsche Züge sind so durchstrukturiert, dass jeder mögliche Ernstfall einkalkuliert ist. Trotzdem gibt es wesentlich mehr Todesfälle bei deutschen Zugsunglücken. Wenn man eine richtige Alternative zu deutschem Denken haben will, dann ist man in England richtig.

Ihren berührendsten Songs liegt oft eine private Tragödie zugrunde. Was war Ihre Motivation, anlässlich der Demenzerkrankung Ihrer Mutter „Deine Zeit“ zu schreiben?

Im Grunde beschäftige ich mich da mit einem anderen Altersabschnitt. Meine Mutter sieht gut aus, ist fröhlich. Es ist also kein tragischer Zustand, dennoch hat sich ihr Kopf auf Wanderschaft begeben. Es wurde ein emotionales Stück mit Streichern, aber kein trauriges Lied. Da hat man ein Leben lang Wissen und Erfahrung akkumuliert, und dann geht mit Alter und Tod alles verloren. Tragischer geht es doch nicht... Das war gewissermaßen die Frage: Ist es bereits Auflösung oder nur ein anderes Stadium des Lebens, an das man als Außenstehender nicht rankommt?

„Mensch“ ist wahrscheinlich Ihr bester Song. Ist es zuweilen belastend, ihn immer wieder singen zu müssen?

Nein. Verrückterweise sehe ich meine Geschichte anders. Das Album „Bleibt alles anders“ von 1998 bleibt die komplexeste und traurigste Platte, die ich je gemacht habe. Damals wusste niemand von den Umständen. „Mensch“ war dann der Versuch einer Bewältigung mit einem gleichzeitigen Nach-vorne-Schauen. Ich glaube, wenn die Menschen nicht gewusst hätten, was mir widerfuhr, dann hätte der Song „Mensch“ anders funktioniert. Das Lied hat etwas sehr Optimistisches. Ich habe den Glauben an die Menschen nie verloren, sie haben mir in schwerer Zeit sehr geholfen. Trotz aller Tragik liegt darin etwas Schönes.

Wie vermeiden Sie auf Tourneen Routinen?

Indem ich davor neue Songs schreibe. Das ist die große Motivation, neue Alben zu machen. Manche Lieder verwandeln sich. „Männer“ ist heute so was wie Realsatire von einem selbst. Wir versuchen, alten Songs musikalisch neuen Drall zu geben. Aber das Wichtigste sind die neuen Lieder. Ich denke, ich werde auf der nächsten Tour das Album komplett spielen.

Helmut Qualtinger hat einmal gemeint, die edelste Nation sei die Resignation. Ist Ihr Song „Wäre ich einfach nur feige“ eine Ode an die Resignation?

Es sich in der Schwäche wohnlich zu machen kann etwas haben. Wenn man permanent versucht, den Starken zu markieren, ist das auf Dauer wenig facettenreich.

Und welche Erfahrung inspirierte das soulige „Lass es uns nicht regnen“?

Eine Trennung. Die Frage war, ob man es schafft, den Abschnitt, den man miteinander verbracht hat, nicht kaputt zu treten, sondern die schönen Momente bestehen zu lassen.

Der Künstler gilt gemeinhin als sensibler denn die Masse. Ist Angst zwangsläufig der Unterton jedes Künstlerlebens?

Ich glaube nicht, dass der Künstler sensibler ist. Ängste und Selbstzweifel, alles, was in der Luft liegt, ist unser Material. Wir brauchen das alles, um es zu verwursten.

Ein ganz tolles Lied in letzter Zeit war „Will I Ever Learn“, Ihr Duett mit Antony Hegarty. Wie ist es dazu gekommen?

Ich bin ein Fan von Antony and The Johnsons. Es ist nicht nur seine Stimme, sondern auch das, was dahinter steht. Auf der Suche nach Duettpartnern für mein englisches Album habe ich seinen Namen genannt. Plötzlich sagt ein Freund von mir, er kenne ihn und könne den Kontakt herstellen. Kurze Zeit später stand ich schon mit ihm in New York im Studio. Wenn der singt, kriege ich immer eine Gänsehaut, so schön ist das. Antony meinte nach den Aufnahmen: „Wenn man mit dir singt, kann man sich so schön anlehnen.“ Das fand ich irre nett.

Mit einem anderen Duettpartner, dem großen Chansonnier Charles Aznavour, teilen Sie die Erfahrung, dass Ihnen vonseiten der Kritik attestiert wurde, keine Stimme zu haben. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

Das war ein wunderbarer Zufall. Aznavour machte ein Album mit Gästen und wollte auch einen deutschen Sänger drauf haben. Ich bin ja früher immer nach Frankreich gefahren, um die Sprache zu lernen. Aznavour war ein Idol von mir. Er hat so was Leises und doch sie viel Wirkung. Auch als Schauspieler fand ich den echt klasse. Der ist ja kürzlich mit 84 auf Südafrika-Tournee gegangen. So was bewundere ich, weil auch ich mich manchmal frage: Wie werde ich auf vernünftige Art alt?

Hat Singen etwas Kathartisches für Sie?

Auf jeden Fall. Das hat auch nichts mit Erfolg zu tun. Der Akt des Singens hatte immer etwas immens Befreiendes. Musik kann helfen, die Kraft aufzuspüren, die in allem steckt. Das Singen hilft einem durchs Leben. Manchmal wird man ein wenig zu bombastisch, manchmal pathetisch, aber es macht einfach Laune. Ohne Gesang, ohne Musik wäre ich sicher unausstehlich.

Herbert Grönemeyer

Neues Album „Schiffsverkehr“ (EMI)

Grönemeyer singt am 18. Juni im Wiener Ernst-Happel-Stadion und am 19. Juni im Wörthersee- Stadion in Klagenfurt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2011)

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