Ronnies Gage: Grillplatte für zwei

Ronnie Urini ist laut Eigendefinition „Österreichs einziger Rockstar“. Mit einem neuem Album will er auch das Publikum davon überzeugen. Nicht weniger als 18 Jahre hat er daran gefeilt.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eine sehr bescheidene Meidlinger Zimmer-Küche-Wohnung. Dritter Stock, kein Lift. Computer ohne Internetanschluss. Tapisserien mit Raubkatzenfellmustern und ganz viel gläserne Raumskulpturen, die profane Zeitgenossen als leere Schnapsflaschen identifizieren würden.

Österreichs einziger Rockstar (Eigendefinition) ist seit 1974 professionell tätig. Auf dem eben edierten Tonträger „Ronnie Urini Rocket Iraschek Superstar“ (Monkey/Rough Trade) kann man der schillernden Vergangenheit des 55-Jährigen ebenso nachlauschen wie über die aktuelle Metamorphose seines „Psychedelic Cyber Punk“ staunen. Wie seine scharfe Stimme durch ein Lied wie „Aus den Kellern der Nacht“ fräst, ist von zeitlosem Substandard.

„Die letzten Poeten“ nannte er einst seine Band, mit der er Dichtern wie H.C. Artmann und Konrad Bayer zu Radioairplay verhalf. Seine Vertonung des Bayer-Gedichts „Niemand hilft mir“ schlug bei seiner Veröffentlichung große Wellen. Urini musste Udo Huber, den damaligen Cerberus der Ö3-Hitparade, intensiv bearbeiten, damit dieser den Song vorstellte, schließlich war eine Textzeile wie „Das ist lustig, das ist schön, das ist das Zugrundegehen“ nicht unbedingt familienfreundlich. Am Ende schaffte er es auf Platz 7 der Österreich-Charts. Einen Rang vor Abbas „Dancing Queen“.

Das war einer von vielen symbolischen Siegen des gebürtigen Kremsers, dessen Sessions mit berühmten Kollegen stets mehr Ruhm als Geld brachten. Mit kindlicher Begeisterung versuchte er, die Mythen des Rock nachzuleben. Naiv agierte er zwischen 1980 und 1985 auch als Gestalter der Ö3-Sendung „Roaring Sixties“, in der er den Hörern psychedelischen Rock vorstellte. Bis eines Tages Rudi Klausnitzer intervenierte. „Er versuchte mir zu erklären, wie zu programmieren sei. Ich verwies darauf, dass ich körbeweise Fanpost bekam. Klausnitzer meinte nur: Hörerpost ist schlecht. Je mehr Post, desto schlechter ist die Sendung. Nur Freaks schreiben. Wenn niemand schreibt, war es für alle gut!“


Ein wenig deplatziert kam sich Urini auch vor, als ihn Udo Proksch in den Club 45 einlud. Gratz, Zilk, Heller, Pluhar waren anwesend, der legendäre Jazztrompeter Chet Baker spielte auf, um Kleingeld neben seiner Tour zu machen. Proksch bot sich an, die von Urini so sehnlich erwünschte Aufnahmesession mit Baker zu finanzieren. Er gab Urinis Freundin Venus 37.000Schilling, fragte sie pro forma „Liassast du di von mir pudern?“ Als Urini ihm einen Beleg ausstellen wollte, gab sich Proksch erstaunt: „Geh Ronnie, des is doch nur a klans Gulasch...“

Immer wieder versuchte Urini, international durchzustarten. Für Samantha Fox komponierte er ein Lied. Leider zum falschen Zeitpunkt. Die vollbusige Hitparadenqueen hatte sich damals gerade als Lesbe geoutet und damit ihr testosteronsattes Stammpublikum in die Flucht geschlagen. Mit Nancy Sinatra sang er in der Wiener Nachtjausenstation Salz & Pfeffer „Summer Wine“, das er zuvor als Coverversion in die nationalen Charts wuchtete. Urini: „Ich bekam die Gänsehaut, als ich die Originalstimme neben mir hörte. Unsere gemeinsame Performance sahen vielleicht zwanzig Leute. Als Gage bekam ich eine Grillplatte für zwei Personen.“ Durchwachsen waren auch die Zeiten, als er in den USA sein Glück versuchte. Mit Mars Bonfire von Steppenwolf komponierte er, spielte einmal sogar in der Hollywood Bowl mit ihm.

Nach seiner Rückkehr begannen die schweren Zeiten, es gab kaum noch Gigs. „Der Othmar Bajlicz vom Chelsea sagte mir: ,Ronnie, dich kennt keine Sau mehr'. Da bin ich heim weinen gegangen.“ Jetzt ist Ronnie Urini wieder zurück. Mit neuem Doppelalbum und einem fast fertigen Musical in der Lade. Nicht weniger als 18 Jahre hat er daran gefeilt, seinen Traum modifiziert: „Ich denke mir, was der Willi Forst mit ,Bel Ami‘ schaffte, könnte auch mir gelingen.“

Zur Person

Ronnie Urini (55) heißt bürgerlich Ronald Iraschek, nennt sich auch Ronnie Rocket. Er studierte u. a. Germanistik, Anglistik und Astronomie, sattelte aber bald auf „Rockstar“ um. Seine Vita ist eine Mischung aus tatsächlichen Charts-Platzierungen und Rock-'n'-Roll-Tagträumen. Neues Doppelalbum: „Ronnie Urini Rocket Iraschek Superstar“ („20th Century Hits“ und „Fire Waves“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2011)

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