Arcade Fire in Wiesen: The Sound of Überstürzung

Die wichtigste Band der Nullerjahre spielte ein furioses Konzert: wilde Songs über die Heimat in den Vororten, über die Mysterien der Nachbarschaft.

(c) APA

Selten wurden Heimvideos von Fahrrädern zwischen Reihenhäusern so heftig bejubelt wie an diesem Abend in Wiesen: Sie eröffneten das Konzert von Arcade Fire, der kanadischen Band, die mit ihrem dritten Album, „The Suburbs" (2010), programmatisch zurück nach Suburbia gegangen ist, in die matt bis speckig glänzenden Idyllen der Mittelschicht.


Dorthin also, wo der Großteil des „Independent Pop" herkommt. Arcade Fire waren in den Nullerjahren die wichtigste, ach was: die einzige Band, die dessen saturierte Langeweile, dessen Retro-Seligkeit aufgebrochen hat: mit zwei Alben, auf denen sie die Intensität im Pop neu erfanden. Und die Rastlosigkeit: „I don't know why, but I know I can't stay", heißt es in „Keep the Car Running" - nach „Ready To Start" der zweite Song in Wiesen -, das mag nach Bruce Springsteens fahrenden Helden klingen, aber es bleibt mehr offen als etwa in „Born To Run". Dazu kommt, dass Springsteens E-Street-Band gegen Arcade Fire ein Verein zur Förderung der Gemütlichkeit ist.


Genau darum war „The Suburbs" eine leichte Enttäuschung: weil Arcade Fire auf diesem Album beschaulicher klangen als zuvor, weniger besessen und zugleich weniger rätselhaft. Trotzdem - Kulturpessimisten würden sagen: eben deshalb - bekamen sie einen Grammy dafür und füllen heute große Arenen wie die in Wiesen.

 

Beschleunigte Version der „Suburbs"


Dort ließen sie von Beginn an keinen Zweifel daran, dass sie nervös geblieben sind, ihrer Strategie der Überwältigung durch Überstürzung treu. Spätestens die dritte Nummer - „No Cars Go" - explodierte, ein furioser Schlagzeug-Exzess mündete ins Mantra des Aufbruchs: „Between the click of the light and the start of a dream." „In my dreams we're still screaming", hieß es später im deutlich beschleunigten Titelsong „The Suburbs", in dem Sänger Win Butler durch die Straßen seiner Kindheit streunt. In der intensivierten Live-Version wurde klar, wie nahe diese Suche nach der eigenen Vergangenheit den Beschwörungen der „Neighborhood" auf dem ersten Album, „The Funeral" (2004), ist. Zwei davon hörte man in Wiesen gleich hintereinander: erst „Laika", die beunruhigende Vision vom Bruder, der von einem Vampir gebissen wird, dessen Tränen die Geschwister sammeln und ihm zu trinken geben, dann „Tunnels", diesen Aufschrei gegen den Schnee, in dem Beziehungen ersticken...


„Every spark of friendship and love will die without a home", heißt es in „Intervention", einem von leider nur drei Songs aus „Neon Bible" (2007) an diesem Abend: Es war die erste Zugabe, das wilde Läuten, das die meisten Songs von Arcade Fire vorantreibt, klingelte längst in den Ohren, und dazu noch diese pathetische Orgel! Es ist eigentlich zu viel, und dabei nie genug, denn die Steigerung darf nie aufhören.


Wie sie dann doch aufhörte? „I need the darkness", sang Régine Chassagne im allerletzten Song: „Cut the lights!" Glückliche Menschen verließen die Arena - und kamen hoffentlich alle besser heim als einst Win Butler, der, wie er auf der Bühne erzählte, als ganz Junger bei seiner ersten Europa-Reise in Wiesen „The Cure" gesehen hatte: Ihn nahm damals gnädig die Polizei mit, aber in die falsche Richtung. Darüber soll er uns noch einen Song schreiben. Einen überstürzten.

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