Die reine Leidenschaft: Deep Soul beim Jazzfest

Charles Bradley, ein großer Old-School-Schmerzensmann des Soul, der 2010 mit 62 Jahren sein spätes Debütalbum aufgenommen hat, begeistert beim Jazzfest Wien am Rathausplatz. Sein drängender Duktus ist einmalig.

Symbolbild
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(c) EPA (BRUNO BEBERT)

So voll hat man den Rathausplatz beim Jazzfest Wien selten gesehen. Charles Bradley, ein großer Old-School-Schmerzensmann des Soul, der 2010 mit 62 Jahren sein spätes Debütalbum aufgenommen hat, präsentierte sich erstmals in Wien. Sonst zerstritten, fand sich die komplette Wiener Soulszene ein. Ungeachtet der etwas brustschwachen Anlage begeisterte Bradley schon mit seinem ersten programmatischen Song „Heartaches & Pain“ durch sängerische Urgewalt und fast pubertärem Eifer im Spiel mit dem Mikrofonständer. Sein drängender Duktus ist einmalig in der zeitgenössischen Soul- und R&B-Szene. Sänger, die mit solcher Intensität aufwarten, hat man eigentlich für ausgestorben gehalten . . .
„Bitter sweet“ empfindet Bradley seinen späten Erfolg. Jahrzehntelang trampte er durch die USA, war zeitweilig obdachlos, verdingte sich als Koch in Sozialprojekten und Psychiatrien. Nebenher versuchte er stets im Showbusiness Fuß zu fassen. Mit 14 Jahren sah er James Brown live im Apollo Theater. Von diesem Moment an wusste er, was er im Leben machen wollte. Allein, das Leben machte nicht ganz mit. „Gerade als ich schon aufgegeben hatte, hat sich dann das Wunder ereignet“, erzählte er der „Presse“ kurz vor seinem umjubelten Auftritt.
Gabriel Roth vom Label Daptone, das auch die Backing Band von Amy Winehouse auf deren Megaerfolg „Back To Black“ stellte, entdeckte Bradley und probierte ihn bei einer Session mit „Sugarman 3“ aus.  Roth brachte ihn mit dem langhaarigen, weißen Funk-Gitarristen Thomas Brenneck zusammen. Die beiden heckten die zwölf spektakulären Songs für das Erfolgsalbum „No Time For Dreaming“ aus: Lieder von einer rüden Emotionalität und Funkyness, wie man sie in den Seventies nur bei Südstaaten-Soulgrößen wie O. V. Wright und Ernie Hines hörte.
Unzeitgemäß ist auch Bradleys altruistische Einstellung: Den Materialismus und die Egozentrik des heutigen R&B lehnt er ab. „Jetzt hätte ich das Geld, um mir gewisse materielle Dinge leisten zu können, von denen ich lange träumte. Ich mach es aber nicht. Es wäre nur eine Ablenkung vom richtigen Weg.“

Songs von Sam Cooke und Neil Young

Mit feurig dargebrachten Liedern wie „Why Is It So Hard To Make It In America“ und „The World (Is Going Up In Flames)“ sprach Bradley die sozialen Missstände der USA deutlich an. Das Erstaunlichste an seinem Zugang war indes das Wunder der Verwandlung von existenziellem Weh in musikalische Schönheit. Mit großer Eloquenz und Intensität zelebrierte er die Melismen des Schmerzes, beschwor in „Golden Rule“ die Tugend der Mitmenschlichkeit. Im wonnetrunkenen „Bring It On Home To Me“ huldigte er beredt seinem alten Idol Sam Cooke. Nur seiner überraschenden Coverversion von Neil Youngs „Heart Of Gold“ mangelte es ein wenig an Glut. Alles andere war Leidenschaft pur.

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