Chance genützt: Christine Hödl

Die Gewinnerin der ORF-Castingshow hat ihr erstes Album eingespielt: „Pure“. Mit der „Presse“ sprach sie über ihr Leben und die Rolle der Musik darin.

(c) Ren� huemer

Endlich. Der Traum ist realisiert. Christine Hödl, Gewinnerin der ORF-Castingshow „Die große Chance“ hat in nur sieben Tagen ihre Liedersammlung „Pure“ eingespielt – und präsentiert sie heute, Freitag, im Wiener Chelsea. „So ein Album ist eine Auszeichnung für einen Künstler“, sagt sie bescheiden. Selbstbewusster tönt sie in ihren Liedern. Ihre Songs strahlen ähnlich rauen Charme aus, wie die ihres Vorbilds Tracy Chapman. Auch Melissa Etheridge und k.d. lang dürften für den eigenwilligen Stil Hödls Pate gestanden sein. Ihre liebenswerte Ruppigkeit konnte (oder wollte) nicht einmal der lang gediente Produzent Thomas Rabitsch glätten. Zweifel, ob das CD-Format in Zeiten der zerstreuten Wahrnehmung noch zeitgemäß ist, hegt sie keine. „So eine CD ist doch eine Art Geschenk an die Hörer. Die Menschen suchen in schwierigen Zeiten Gegenwelten, in die sie sich flüchten können. Im Grund ist jede Kunst eine Art Eskapismus.“

 

„I don't want to lick your boots“

Dass die Musik ihr idealer Gegenentwurf zur harschen Wirklichkeit ist, hat die 35-jährige, gelernte und praktizierende Kindergartenpädagogin immer schon gewusst. So extrovertiert sie auf der Bühne sein kann, so introvertiert ist sie privat, wenn es ums Zeigen von Gefühlen geht. „Für mich sind meine Lieder eine lebenswichtige Form, meine Emotionen zu zeigen. Was ich im Leben oft nicht rauslasse, in der Musik kann man es nachvollziehen.“ In „It's Got To Be Today“ beschwört sie die Wirkung der Tränen, die Macht des Loslassens. „Let the tears run down, I don't want them to hide“, heißt es da, entlang eines süßen Gitarrenlaufs. Dann formuliert sie auch Martialisches wie „I don't want to lick your boots just to be happy“. Bei aller Hingabe, das Ich darf sich auch oder vielleicht gerade in der Liebe nicht auflösen.

Hödls Art, die Liebe zu leben, hat für Schlagzeilen wie „Die Lesbe singt und kämpft für ihre Frau“ gesorgt. „Das war eine schwierige Zeit für mich“, bekennt sie, „aber andererseits wollte ich meine Familie auch nicht verstecken.“ Im Siegestaumel meinte sie sogar, dass „Österreich heute gezeigt hat, wie tolerant es sein kann, wenn es nur will“. Das sieht sie heute differenzierter. „Nach dem Voting haben alle davon geredet, wie tolerant die Wähler waren. Ich dachte mir, verdammt, könnte es nicht sein, dass ihnen einfach meine Musik gefallen hat? Lesbischsein gehört ja nicht zu meinem künstlerischen Programm.“

Hödl, die in einer eingetragenen Partnerschaft mit Frau und Tochter lebt, wurde in Publikumsforen vorgeworfen, Werbung fürs Lesbentum zu machen. Die Künstlerin hat nicht all diese Gehässigkeiten mitbekommen. „Gott sei Dank! Mir wurde eine Last auf die Schultern gelegt. Unbewusst habe ich die ganze Szene repräsentiert. Mir war nicht gleich klar, welches Ausmaß das im Nachhinein hat. Wir leben ganz unauffällig, wie andere Pärchen auch. Wir haben es uns ja nicht ausgesucht, lesbisch zu sein. Genieren sollte wir uns dafür nicht müssen. Aber ich mach mir keine Illusionen. Auch wenn wir seit einiger Zeit unsere Partnerschaften eintragen lassen dürfen, werden wir eine Randgruppe bleiben. Das sind halt die Zuckerln, die man uns in den Käfig wirft.“

Fragen der Freiheit hat Hödl auch im erdig groovigen „The Key To Be Free“ aufgeworfen. „Dieses Lied hab ich wie die meisten in sehr jungen Jahren geschrieben, in meiner Selbstfindungsphase, wo es mir nicht sonderlich gut gegangen ist. Meine Vision von Freiheit war, dass ich lerne, mit mir umzugehen, zu mir zu stehen und zufrieden zu sein. Das war ich jahrelang nicht.“ Dem jetzigen Glück und auch ihrem Stolz aufs Album traut sie noch nicht ganz. „Am kreativsten war ich immer, wenn es mir nicht so gut ging.“ An die Popularität und deren Schattenseiten muss sie sich noch gewöhnen. Die 100.000Euro Preisgeld haben die Fantasien von gar nicht so wenigen Bettelbrief-Verfassern entzündet.

 

„Das Geld wird für die Familie gespart“

Konservativ anlegen wolle sie das Geld. „Um es einfach auszugeben, bin ich wohl zu kleinbürgerlich. Ein Großteil des Geldes wird für die Familie gespart. Aber ich weiß ja nicht einmal noch, wie viel es letztlich ist. Was da so als 100.000Euro Gewinn kolportiert wurde, ist in Wirklichkeit ein Tätigkeitshonorar, das der Versteuerung unterliegt.“ Bei den Albenverkäufen schneidet der ORF auch kräftig mit. Um sich darüber aufzuregen, ist Hödl viel zu fatalistisch. „Man liest sich ja keine Verträge durch, wenn man von vornherein annimmt, dass man eh nicht gewinnt. Jetzt muss ich halt damit leben.“ Und auch das Showbusiness ist mittlerweile nur mehr eine relative Größe. „Früher hätte ich mir nie gedacht, dass es ein gewaltigeres Gefühl gibt, als auf einer großen Bühne zu stehen. Die Geburt meiner Tochter hat mich eines Besseren belehrt.“
Albumpräsentation: 16.Dezember, 19Uhr im Wiener Chelsea

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2011)

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