Tove Styrke: Schwedenbombe

Mit Tove Styrke bringt die große Popnation Schweden eine neue Waffe in Anschlag. Ihr Debüt ist ein knalliges Elektropop-Manifest. Das "Schaufenster" traf sie in Stockholm.

Tove Styrke Schwedenbombe
Tove Styrke Schwedenbombe
(c) Sony

Call My Name“ nennt sich der Song, mit dem Tove Styrke Mitteleuropa erobern möchte. Eben wurde er zur Signation der deutschen Fernsehshow „Das perfekte Model“ erkoren, die auf RTL läuft. Mit der Schärfe eines Laserstrahls fräst sich ihre klare, in der Intonation zuweilen an Rihanna erinnernde Stimme durch den eindrucksvollen Wall of Sound, den Keyboards und Synthie-Drums höchst verschwenderisch aufgetürmt haben. 

Elektropop ist der Sound, für den sich die 18-jährige Schwedin entschieden hat. „Keine andere Musik lässt einem so viele Freiheiten“, schwärmt Schwedens neuestes Starlet. Und es ist erstaunlich, welchen Erfolg dieses Land in der Welt des Pop hat. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind die Schweden noch erfolgreicher als Briten und Amerikaner. ABBA zeigten in den Siebzigerjahren vor, wie man als Exot die traditionelle angelsächsische Dominanz sprengen kann. In den USA landeten sie zwar nur einen einzigen Nummer-1-Hit, dafür verzauberten sie den Rest der Welt mit ihren Melodien. Roxette traten in den Achtzigerjahren in ihre Fußstapfen. Heute gibt es eine Vielzahl an raffinierten schwedischen Popbands. Das Soundspektrum ist groß. Kerniger Rock kommt von Mando Diao und den Shout Out Louds, Düsteres von Fever Ray und El Perro Del Mar, Fröhlich-Versponnenes von Lykke Li und Peter, Björn And John.

„SweMix“. Der internationale Aufstieg der schwedischen Produzenten ist vielleicht noch erstaunlicher. Begonnen hat er 1992, als Denniz PoP und Tom Talomaa die Cheiron Studios in Stockholm gründeten. In den Achtzigerjahren wurden schwedische Deejays unter dem Signet „SweMix“ aktiv. Das war eine Plattform, die Remixes der damals aktuellen Hits anbot. Denniz PoP war einer davon. 1992 verkaufte man die Marke an BMG, und PoP und Talomaa gründeten Cheiron. Mit den Backstreet Boys, Ace Of Base und Robin S. hatte man erste weltweite Erfolge. Denniz PoP verstarb leider bald an Krebs. Sein künstlerisches Erbe setzte sein Protégé Max Martin fort. Schon sein erster Song „Baby One More Time“ wurde ein Welthit. Gesungen hat ihn die junge Britney Spears. Zu seinen letzten Erfolgen zählten Smash-Hits wie „So What“ (Pink), „I Kissed A Girl“ und „Hot’n’Cold“ (Katy Perry) und „Dynamite“ (Taio Cruz). Ein anderer großer Name ist Nadir Khayat, ein marokkanischstämmiger Schwede, der im Alleingang für den Erfolg von Lady Gaga verantwortlich ist. Unter dem Nom de guerre Red One schrieb und produzierte er all ihre Hits von „Pokerface“ bis „Alejandro“. Er war auch als Produzent für Teile des neuen Madonna-Albums im Gespräch. Madonna nahm dann doch mit Martin Solveig lieber einen anderen Schweden, einen, der noch nicht mit Lady Gaga gearbeitet hat.

Die starken Melodien des Schweden-Pop sind nicht selten der Volksmusik entlehnt, deren Lieder ihrerseits oft durch Händel und Bach geprägt sind. Gustav Noren, Sänger von Mando Diao, kennt weitere Gründe für den globalen schwedischen Erfolg: „Schweden war im Aufgreifen neuer musikalischer Ideen immer sehr schnell. Vom Moment der Erfindung des Bebop dauerte es sicher nicht länger als eine Woche, bis wir diesen neuen coolen Sound in Stockholm hören konnten. Das erste Land, in dem die Beatles Konzerte gaben, war Schweden. Wir waren immer sehr hip und trendy. Diese Geschwindigkeit, auf neue Strömungen zu reagieren, ist einer der Gründe, warum Schweden im Pop erfolgreich ist. Was die Subtilität der Texte anlangt, sind wir natürlich nicht konkurrenzfähig. Um das zu kompensieren, legen wir das Augenmerk aufs Musikalische. Wenn du einen ABBA-Song analysierst, dann siehst du, dass die Lyrics nicht extrem gut sind, dass sämtliche Magie in den Melodien und Arrangements liegt.“

Akzentfreies Englisch. „Schweden hat auch eine Menge wunderbarer Musikschulen“, ergänzt Tove Styrke. Und: „Gut ist wahrscheinlich auch, dass in Schweden alle Filme im Fernsehen im Original mit Untertiteln gezeigt werden. Da die meisten aus den USA und England kommen, sprechen wir schon früh akzentfrei Englisch.“ Styrke selbst entstammt einer Künstlerfamilie.
„Lieber hätten sie gehabt, wenn ich Ärztin geworden wäre“, kichert sie beim Gespräch im Stockholmer Boutique-Hotel Rival, das niemand Geringerem als Benny Anderson von ABBA gehört. Schon als 16-Jährige nahm Styrke an der schwedischen Ausgabe von Pop-Idol teil. Sie wurde eindrucksvolle Dritte und fand Geschmack an der Bühne. 2010 kam ihr knackiges Debütalbum in ihrer Heimat heraus, nun erscheint es leicht überarbeitet im Rest von Europa. Drei Hits warf es ab. Am eindrucksvollsten tönt das von Adam Olenius (Shout Out Louds) und Lykke Li komponierte „Million Pieces“. Die eher karge Instrumentierung lässt der schönen Stimme viel Raum, sich zu entfalten.

Welche Bestandteile ihrer Musik hält Styrke für unverzichtbar? „Egal welche Musik du machst“, sagt sie, „du brauchst ein Element roher Kraft, damit sie sich echt anfühlt. Das ist der Schlüssel.“ Die junge Sängerin mischt mit, wenn es darum geht, den richtigen Vibe im Studio zu finden. Tove Styrke hat konkrete Song- und Soundideen. Die bringt sie ein und lässt andere an den Details feilen. Selber konzentriert sie sich lieber auf die Auftritte. Beim Showcase im Stockholmer Rockclub „Debasser Slussen“ begann sie erstaunlich verhalten, um am Ende ausgelassen zu rocken. Leidet sie etwa an Lampenfieber? Styrke entspannt: „Keineswegs. Angst vor der Show hab ich nicht, aber ich bin halt kein Aufziehpupperl. Wenn ich mich nicht nach Tanzen fühle, dann bleibe ich still stehen. Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil, es sähe sonst gekünstelt aus. Sobald ich aber – und das passiert stets bei den Shows – den Impuls dazu habe, dann geht es wild ab. Echt zu sein, ist mir wichtig.“

TIPP

Schwedens neuester Popexport. Das Debütalbum von Tove Styrke erscheint am 23. März in Österreich: Ihr Vorbild: die frühe Madonna.

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