Fremde Soundframes: Ja, Panik als Labelbosse

Die Wiener Band Ja, Panik hat mit „Nein, Gelassenheit“ ihr eigenes Plattenlabel gegründet. Die ersten Veröffentlichungen kommen von Schätzmeister und Hans Unstern: Geschichten von Rittern, Seemännern und Autobahnen.

Schätzmeister und sein Wappentier, der Wurstvogel
Schätzmeister und sein Wappentier, der Wurstvogel
(c) Nein, Gelassenheit

Nicht für Markt und Masse zu musizieren, sondern sein eigenes Ding machen, ist für Independent-Bands das Um und Auf. Hat man sich einen Namen gemacht und ein, zwei Platten veröffentlicht, wird gerne eine eigene Plattenfirma gegründet - das ist auch in Österreich nicht anders. Das heimische Vorzeige DJ-Duo Richard Dorfmeister und Peter Kruder schuf 1993 G Stone Records, die Indie-Popper Garish sind Mitteilhaber von Schoenwetter Schallplatten, Singer/Songwriterin Clara Luzia Maria Humpel veröffentlichte schon ihr Debütalbum auf ihrem eigenen Label Asinella Records und hinter Tonträger Records steht die Linzer Hip-Hop-Bande Texta.

Weiterer Nachwuchs in der Szene der Independent-Plattenfirmen kommt nun aus dem Hause Ja, Panik. Das von Wien nach Berlin übersiedelte Quintett macht sich selbstständig und gründete Anfang des Jahres mit Nein, Gelassenheit ein Sublabel ihres deutschen Herausgebers Staatsakt. Nach einer Kooperations-Platte mit dem Berliner Hans Unstern, auf der Ja, Panik und der Musiker gegenseitig einige ihrer Werke interpretieren („Ja, Unstern & Hans Panik"), bringt Nein, Gelassenheit am 16. April zwei weitere Alben heraus: Das Debüt „The Wurst And The Money" von Schätzmeister sowie Hans Unsterns Solo „Kratz dich raus".

In einer Welt von Rittern, Seemännern und Karpfen

Schätzmeister, den Namen hat Musiker Stefan Pabst bereits vor langer Zeit bekommen, weil er das Gewicht eines Wiener Straßenbahnwaggons bis auf wenige Kilogramm genau erschätzte - so erzählt man es zumindest. Der Spitzname ist geblieben, und das Musikgut, das in den vergangenen Jahren entstanden ist, veröffentlicht der 26-Jährige nun auf der 12"-Vinyl „The Wurst And The Money". Das Geld im Titel kommt natürlich nicht von ungefähr, Pabst ist hauptberuflich Bassist bei Ja, Panik. Außerdem sehe „money" immer gut aus und verkaufe sich besser, haben ihm zumindest seine Bandkollegen erklärt, sagt der Musiker.

Schätzmeister: The Wurst And The Money
Schätzmeister: The Wurst And The Money
Schätzmeister: The Wurst And The Money – (c) Nein, Gelassenheit /

Auf „The Wurst And The Money" präsentiert Pabst - ganz in der Manier des Anti-Folk - mit offensichtlichem Dilettantismus eine knapp 18 Minuten lange, zusammenhängende und schwer in Titel aufteilbare Fragment-Wurst. In Eigenregie, mit Lo-Fi-Equipment eingespielt und aufgenommen, singt er sich gerne in hohe Stimmlagen hinauf und holt aus der Gitarre heraus, was an Effekten möglich ist.

„Ich sing, obwohl ichs nicht wirklich kann", heißt es zu Beginn, und an Witz und Ironie wird auch im weiteren Verlauf nicht gespart. In seinen Geschichten scheint Pabst in eine fern liegende Welt zu reisen, er erzählt von Kaisern, unbeholfenen Rittern im Stauferland, Steuermännern, denen bei schlechter Sicht das Ruder bricht, oder sich selbst verstümmelnden Webern. Bei der beschwingten Speisekarten-Single „Florian und die Karpfen" lässt sich deutlich der Einfluss des New Yorker Songwriter-Kasperls Adam Green ausmachen, „Der Junge aus Morristown" kommt als Country-Ballade mit Sixties-Sound daher - inklusive „amerikanischer", also Knödel-im-Mund-Aussprache. Doch auch Konsum- und Gesellschaftskritik haben in diesen Sphären Platz, wie die Textzeilen „Geld ist ein Konstrukt für Idioten" oder „Wer viel nachdenkt, der hat nicht genug zu tun" verraten.

Hans Unstern
Hans Unstern
Hans Unstern – (c) Tanja Pippi /

Gegenangriff aus der Fantasie

Auch der Berliner Musiker Hans Unstern begibt sich auf „Kratz Dich Raus" auf eine Reise, allerdings nicht in verklärte Gegenden, sondern durch das versiffte Europa. Der ungeschönte, andere Blick ist sein Begleiter, Fantasiegebilde sind seine Souvenirs.

"Mein Leben hangelt sich an Autobahnen entlang, Automobile hasse ich mehr als alles, werde mir einen Zebrastreifen malen, wie sie ihrem Ziel entgegenrasen, wie sich auf der Überholspur Penisse jagen", heißt es in dem Eröffnungslied „Anglet". Im Hintergrund wischt und kratzt es, klickt und klackt es, eine drängende Geräuschkulisse vor wirren Wörtern, einer zart wie kräftigen Stimme voller Spannung und Harmonie. Schneller Sprechgesang, der hier einen Haken schlägt oder dort gar die Richtung wechselt. Hans Unstern kombiniert einfache Wörter zu aufregenden Textzeilen, schafft reizende Momente, in denen man sich leicht verliert. „Urlaub unter Laub, UrlaubUnterLaub, Urlaubunterlaub." Schön zum Anhören.

Album-Präsentation

Hans Unstern und Schätzmeister stellen ihre Werke "Kratz Dich Raus" und "The Wurst And The Money" am 19. und 20. April im Jüdischen Theater Bimah in Berlin live vor.

Nein, Gelassenheit

Hans Unstern

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