Attwenger: Bis zum Ende der Wöd

Furios und beseelt: Auf „Spot“ sind Attwenger in Hochform.

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„Attwenger on the beach“, gemalt vom Mühlviertler Künstler Thomas Paster. – (c) Beigestellt

Im Duden steht er noch nicht. Doch wer die Musik des Duos Attwenger kennt, kann sich unter dem Begriff „attwengern“ etwas vorstellen: Die Beschränkung der Mittel etwa, wie es Markus Binder und Hans-Peter Falkner selbst umschreiben, auf Schlagzeug, Ziehharmonika, Dialektgesang. Und was man damit machen kann. Den Song „It’s the End of the World As We Know It“ von R.E.M. nach Oberösterreich holen zum Beispiel: betont lässig, weniger gehetzt als das Original. Als „Wöd“ zählt er zu den besten Stücken auf dem achten Album „Spot“. Vielleicht ist das auch die beste Interpretation: Attwengern als lustvolle Aneignung, als Überführen globaler Sounds ins Lokale und umgekehrt, als Herstellen von Verbindungen zwischen scheinbaren Gegensätzen. In 25 Jahren Bandgeschichte haben Attwenger dies längst zur Meisterschaft gebracht. Zu Beginn schufen sie Unerhörtes, indem sie Dialekt und Volksmusik mit Punk und Hip-Hop kreuzten. Auf dem Meisterwerk „Song“ (1997) mündete ihre Liebe zu Techno in drei 15-minütigen Mantras mit meditativer Sogwirkung. „Spot“ führt die Verfeinerung fort, die ihr Werk seither bestimmt. In seiner Knappheit ist es ein Gegenstück zu „Song“: Als ob sie das Tempo unserer Zeit fassen wollten, verteilen sie 39 Minuten Albumlänge auf 23 Stücke. Eine Reaktion auf verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und Dauergeschwätz auf allen Kanälen? Nicht ohne Kritik: „Sog amoi, sog amoi, sogds amoi, sogds amoi“, wiederholt Binder mehrmals in „Sog amoi“. Und beendet es nach 25 Sekunden mit einem lapidaren „Nix“. Eine Pointe, die sitzt. An anderer Stelle reimt Binder „I hoit di ned aus“ auf „Einfamilienhaus“. Dann ist schon wieder Schluss. Es reicht, um Gedanken über Zersiedelung oder tradierte Familienbilder anzuregen.

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Einsilbig wie immer: „Spot“ heißt das achte Album von Attwenger. – (c) Trikot/Lotus

„Kana daham“. Musikalisch hallen auf „Spot“ alle Schaffensperioden nach, manch Neues kommt hinzu. Furios rasende Quetschn-Schlagzeug-Kracher wie „Zopf“ oder „Söwa“ erinnern an die Frühzeit. In Stücken wie „Kana daham“, dem Opener mit zackigen Puls, dominieren elektronische Klänge. „Little Brown Jug“, bekannt gemacht von Swing-Legende Glenn Miller, wird zur Miniatur „I bin froh“. Und mit „Japaner“ zeigen die beiden Oberösterreicher, dass ihnen auch das Wienerlied nicht fern ist. „Schmafu“ und „Oida“ stechen in diesem eiligen Album hervor: mit zurückgelehntem, ja beseeltem Groove, wie man ihn von Attwenger kaum noch gehört hat. In dieser Form können Binder und Falkner gern noch lang attwengern. Muss ja nicht gleich bis zum Ende der Welt sein.

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