Was Bob Dylan verwarf

KritikDie September-Versionen von „Blood on Tracks“.

(c) Barry Feinstein

„Early one mornin’ the sun was shinin’", so lapidar beginnt „Blood on the Tracks", das 1974 erschienene Album, für das Bob Dylan eine ganz neue Erzählweise erfunden hatte: ohne das ethische Pathos seiner frühen Alben, ohne die mythischen Figuren seiner ersten Meisterphase ­(gipfelnd in „Highway 61 Revisited" und „Blonde on Blonde"). Kein Eden hier, nur die Erde. Und gewöhnliche Menschen, wie sie lieben und leben, verstrickt und verdreht vom Schicksal. Es sei Dylans „Break-up-Album", hieß es damals, er verarbeite darin seine Trennung von seiner Frau Sara. Das mag sein, doch dafür wirkt die Erzählweise seltsam objektiv, wechselt auch – oft auf unergründliche Weise – von der ersten in die dritte Person und umgekehrt. „’t was in another lifetime", so beginnt „Shelter from the Storm", der vielleicht größte Song des Albums, auf dem ein Leben nicht nur ein Leben (und die Erlösung eine Tatsache) ist. Klare Mysterien, sozusagen. Weniger mysteriös ist die Entstehung des Albums: Dylan nahm im September 1974 in den New Yorker A&R Studios auf, erst allein, dann mit einer Band, oft auch nur mit einem Bassisten. Das Album war so gut wie fertig, doch dann – daheim in Minnesota, wo er mit seiner Familie Weihnachten bzw. Chanukka feierte – entschloss er sich spontan, noch einmal in ein Studio zu gehen. Fünf Songs in der Version dieser Minneapolis-Sessions kamen auf das „Blood on Tracks"-Album. Der Vergleich macht sicher: Dylan wusste, was er tat. Den New Yorker Versionen fehlt die raue Magie, die in Minneapolis plötzlich da war. Wie man sich wünschte, ­z. B. auch „Shelter from the Storm" in der Dezember-Version zu hören! Doch leider, diese Aufnahmen sind wirklich verloren.

(c) Beigestellt

Eine CD reicht. Auch „Simple Twist of Fate" ist in der New Yorker Version auf dem Album, allerdings offenbar nachbearbeitet: Der gruslige Hall auf den Reimwörtern („straight", „freight", „gate" etc.) fehlt in den Aufnahmen, die nun auf dem luxuriösen 6-CD-Set versammelt sind. Braucht man es? Eigentlich nicht. Es reicht völlig – zusätzlich zum Original natürlich – die simple Ein-CD-Version von „More Blood, More Tracks", die alle Songs (plus „Up to Me") in Soloaufnahmen enthält, die zumindest zeigen, wie meisterlich diese Lieder in jeder Besetzung sind. Wer sie – zum Beispiel „Idiot Wind", in dem sich der Hohn zuletzt auch gegen sich selbst richtet – in wirklich wilder Version hören will, dem sei der fünfte Band der „Bootleg Series" mit Liveaufnahmen der Rolling Thunder Revue empfohlen oder einfach das Album „Hard Rain".

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