Politische Lieder: „Bella ciao“ und andere Soldatenhymnen

KritikKurz nach der Wahl Donald Trumps beschloss der exzentrische Jazzgitarrist Marc Ribot, „Songs of Resistance“ einzuspielen – mit etlichen Gastsängern, darunter Tom Waits.

Marc Ribot auf dem Elbjazz Festival 2015 im Hamburger Hafen Hamburg.
Marc Ribot auf dem Elbjazz Festival 2015 im Hamburger Hafen Hamburg.
Marc Ribot auf dem Elbjazz Festival 2015 im Hamburger Hafen Hamburg. – (c) imago/Future Image (imago stock&people)

Die Idee zu diesem Album sei ihm fünf Minuten nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten gekommen, erläutert Marc Ribot im Booklet: Dieser sei zwar mit demokratischen Mitteln an die Macht gekommen, aber kein Demokrat. Gerade noch hat sich der exzentrische Gitarrist mit der liebevollen Dekonstruktion von Disco- und Funkstücken aus den Siebzigerjahren beschäftigt, widmet er sich nun der politischen Agitation mit musikalischen Mitteln. Der freisinnige Internationalist Ribot ließ seine Beziehungen spielen und trommelte Kollegen aus allen Windrichtungen zusammen. Darunter eine mexikanische Sängerin, die es vorzog, anonym zu bleiben, weil sie schwerwiegende Maßnahmen der US-Administration befürchtete.

Dazu kommen etliche namhafte Vokalisten von der Countrysängerin Tift Merritt bis zum Bluesavantgardisten Tom Waits. Denn Ribot war die Botschaft, die er vermitteln will, zu wichtig, um sie mit der eigenen, eher dünnen Stimme vorzutragen. Der grimmige Liederreigen beginnt mit der Soldatenhymne „We Are Soldiers in the Army“, die in einem Free-Jazz-Stakkato mündet.

Im Booklet denkt Ribot auch über die Idee des „gerechten Kampfes“ nach: Die Lieder von Faschisten und Partisanen seien ästhetisch ja recht ähnlich, was Zweitere auszeichne, sei der Wille, Bedauern zuzulassen. Etwa im Opener: „We are soldiers in the army, we have to fight, we also have to cry.“ Das alte italienische Partisanenlied „Bella ciao“, das DJ Hugel 2018 mittels Housebeats zur Hedonistenhymne umfunktioniert hat, rückt Rostkehlchen Tom Waits wieder zurecht: „This is the flower of the partisan, who died for freedom“, hustet er zärtlich.

 

Markant sind auch die Eigenkompositionen Ribots. „Srinivas“ erinnert an zwei 2017 in Kansas in einem Restaurant erschossene Sikhs. Der Mörder hielt sie für Muslime. „A madman pulled the trigger, Donald Trump loaded the gun“, heißt es im Text. Im vielleicht anrührendsten Lied des Albums, „How to Walk in Freedom“, gesungen von der Jazzsängerin Fay Victor, erinnert Ribot an Rosa Parks, jene Frau, die sich 1955 geweigert hat, ihren Sitzplatz in einem Autobus für einen Weißen freizumachen. Sie wurde inhaftiert, erreichte aber, dass die Jim-Crow-Gesetze, die eine Hierarchie der „Rassen“ vorsahen, abgeschafft wurden. Ribot wechselt permanent zwischen hochmelodischen, zuweilen zarten Passagen und atonalen Ausbrüchen, in denen seine jahrzehntelange Lust an beschädigter Musik voll zur Geltung kommt. Inhaltlich geißelt er auch Trumps Klimapolitik. „The Big Fool“, gesungen von Steve Earle, fasst es knapp: „And they piss on love and reason, while the scientists are weeping.“

Man kann gespannt sein, wie Ribot dieses Album live am 12. Februar im Porgy umsetzen wird. Tom Waits wird wohl (leider) nicht dabei sein.

 

Marc Ribot: „Songs of Resistance 942–2018“
Marc Ribot: „Songs of Resistance 942–2018“
Marc Ribot: „Songs of Resistance 942–2018“ – (c) Anti

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)

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