„Western Stars“: Bruce Springsteen in blendender Form

Kritik Auf seinem 19. Album strapaziert Bruce Springsteen klassische amerikanische Mythen, ohne Angst, in die Falle der Klischees zu tappen.

Springsteen am Dienstag bei den Tony-Awards in New York
Springsteen am Dienstag bei den Tony-Awards in New York
Springsteen am Dienstag bei den Tony-Awards in New York – (c) REUTERS (Lucas Jackson)

Es spricht für Bruce Springsteen, dass er es reflektiert, wenn sein um die Mythen Amerikas kreisendes schreiberisches Bemühen knapp an den Klischees ist. Oder bereits mitten drin, wie in „The Wayfarer“. Schon bei der Vorstellung des Helden bleibt er bewusst im strapazierten Sprachbild: „Same old cliché, a wanderer on his way, slippin' from town to town.“ Der rastlose Wanderer mit dem hungrigen Herzen: eine amerikanische Figur, die auch Schriftsteller von Jack Kerouac („On The Road“) bis Walker Percy („The Moviegoer“) mit Liebe zum psychologischen Detail überhöht haben. Der Folk-Blues–Standard „The Poor Wayfaring Stranger“ fasst das Thema knapp und unübertrefflich.

Aber von den Fußabdrücken anderer lässt sich ein Springsteen nicht abschrecken. Im Gegenteil. Motiviert von einer der besten Melodien seiner Karriere, beschwört er einmal mehr die Straße als den Ort, an dem sich Schicksal entscheidet. „Some find peace here on the sweet streets, the sweet streets of home, where kindness falls and your heart calls for a permanent place of your own.“ Die anderen, die die Straßen rastlos durchmessen, sie definieren Heimat anders. Für sie ist es die nie stillbare Sehnsucht, die ihr (imaginäres) Zuhause formt. In den Worten Springsteens: „I'm a wayfarer, baby, I roam from town to town. When everyone's asleep and the midnight bells sound, my wheels are hissin' up the highway, spinning round and round.“ Springsteen singt diese Zeilen mit dem nötigen Pathos, das ihn als Sänger als ideale Verkörperung seines Helden erscheinen lässt. Er presst und ächzt, und am Ende bleibt ein Seufzen, in dem Lust und Leid austariert scheinen.

„Western Stars“, Bruce Springsteens 19. Studioalbum, begibt sich unter striktem Ausschluss aktueller Bezüge auf ein Terrain, auf dem Träume wirklicher sind als alle Realität. Das ausgerechnet in einer Zeit, in der es schwerer denn je scheint, allein mit den Früchten seiner Arbeit zu Wohlstand zu kommen. Die Verlierer des American Dream waren aber immer in der Mehrzahl. Instinktiv fokussierte Springsteen schon zu Beginn seiner Karriere die Gefühle und Gedanken jener, die dazu verdammt sind, im Schatten bleiben. Es ist weniger ein Geschäftsmodell als Springsteens Empathie, die ihn beständig an die dunklen Ränder der Gesellschaft führt, wo es auch schwierig ist, seine Liebe zu halten. Solch eine Story wird im bittersüßen „There Goes My Miracle“ erzählt. Das Szenario des Abschieds ist idealerweise eine Straße im Abendrot.

 

Versprengter in der „lonely town“

Dasselbe milde Licht färbt „Sundown“ ein: Zu perlendem Klavier und einem sanften Gitarrenriff sehnt der Held die versöhnliche Wiederbegegnung mit seiner Liebe herbei. Er outet sich als Versprengter, als vom Weg Abgekommener, der in der „lonely town“ über die Qualen des Alleinseins sinniert.

In stillen Liedern wie diesen klingt die Stimme Springsteens viel beseelter, als in seinen krawalligen Rock'n'Roll-Songs. Die Pose der Nachdenklichkeit steht ihr am besten. Und ein bisserl Kitsch hält sie auch aus. Wie in „Hello Sunshine“, wo wimmernde Pedal-Steel-Gitarren und seufzende Geigen kollidieren, um jene raren Momente zu überhöhen, in denen Sesshaftigkeit erstrebenswerter scheint als das ewige Vazieren: „You know I always liked my walking shoes, but you can get a little too fond of the blues, you walk too far, you walk away, hello sunshine, won't you stay?“

„Western Stars“, hörbar von der Kunst des 2017 verstorbenen Country-Sängers Glen Campell inspiriert, wird mühelos den Weg auf Platz eins der Billboard Charts gehen, ist es doch eines der besten Alben Springsteens. Es zeigt einen Mann von höchster Empfänglichkeit für das weite Land zwischen trautem Heim und ewiger Wanderschaft, einen Sänger, der auch das Widrige zu umfassender Lebensfreude zu verdichten vermag. Diese magische Umwertung macht den Millionär Springsteen nach wie vor zum großen Held der Blue-Collar-People. Zurecht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2019)

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