Bill Callahan: Fast allein mit der Gitarre

KritikMinimalist aus Maryland. Bill Callahan legt mit „Shepherd in a Sheepskin Vest“ sein bislang intimstes Album vor.

Bill Callahan: „Shepherd in a Sheepskin Vest“
Bill Callahan: „Shepherd in a Sheepskin Vest“
Bill Callahan: „Shepherd in a Sheepskin Vest“ – (c) Drag City

Der Aufwand, mit dem Bill Callahan auf seinem ersten Studioalbum seit fünf Jahren der Reduktion der Klänge huldigt, hat schon etwas Fernöstliches. Im Prinzip hört man einen Mann und seine Akustikgitarre. Im Hintergrund aber schwirren eine Vielzahl an exotischen, zuweilen esoterischen Klängen durch den Raum. Geisterhaftes Pedal-Steel-Gewimmer, bedrohliches Bassgebrummel, verstümmelte Daumenpianoklänge und so mancher Seufzer einer Backgroundsängerin strahlen ihre hintersinnige Wirkung auf ganz, ganz stille Art aus. Im Vordergrund der 20 neuen Callahan-Songs stehen seine Stimme und seine Akustikgitarre, vor allem aber Bekenntnisse zu einer neuen, bislang nicht mit ihm assoziierten Offenheit.

Es ist einiges passiert in seinem Leben. Callahan ist jetzt verheiratet und hat einen Sohn. Zudem ist seine Mutter gestorben. Es sind also durchaus archaische Erfahrungen, die er auf „Shepherd in a Sheepskin Vest“ aufgearbeitet hat. Rechnet man die Alben mit, die er mit seiner Band Smog gemacht hat, so ist dies bereits sein 17. Opus. Es ist auf Augenhöhe mit früheren Meisterwerken wie „Sometimes I Wish We Were an Eagle“ und „Apocalypse“. Das ist erstaunlich, weil Callahan selbst dachte, dass mit der Geburt seines Sohnes seine Kreativität für immer dahin sei. Da hat er sich getäuscht. Selten hat er intensiver geklungen.

Das Album beginnt mit jaulenden Zerrgeräuschen, die Ältere an eingezwickte Musikkassetten denken lässt. Es folgt der Sound zögerlich gestreichelter Gitarrensaiten, ehe Callahans sonore Stimme erstmals ihre virile Schönheit entfaltet. „Have you ever seen a shepherd afraid to find his sheep?“, fragt sie. Immer wieder umkreist Callahan Fragen des häuslichen Lebens, das ihm, dem langjährigen Einzelgänger, der sich mit Liebschaften mit Kolleginnen von Cat Power bis Joanna Newsom bei Laune gehalten hat, nach wie vor etwas rätselhaft erscheint. Das Angekommensein im bürgerlichen Sinn, es beunruhigt ihn. In „What Comes after Certainty“ heißt es: „The passenger is the driver in ecstasy and god's face on the water though plain to see, still hard to read.“ Hier manifestiert sich die unbestimmte Gottesfurcht eines Agnostikers. Dieser erwartet nach dem Tod nichts weniger als eine „world of mystery“. Die Worte des versonnenen, ein wenig an Nick Drake erinnernden „Black Dog on the Beach“ muten wie eine Steilvorlage für eine Traumdeutung à la C. G. Jung an. Callahan, verehelicht mit einer Psychotherapeutin, dürfte sich intensiv mit dem Unbewussten beschäftigen. Zudem führt er ein Traumtagebuch, weil er fest davon überzeugt ist, dass Träume ein Mittel zur Erkenntnis sind.

Immer noch höchst vergnüglich sind seine Sprachbilder. „Like motel curtains we never really met“, singt er etwa im sanften „Angela“. „The past has always lied to me, the past never gave me anything but the blues“, offenbart er in „Young Icarus“. Andere mögen derlei Verirrungen bedauern. Callahan nicht, weiß er doch, dass jeder sein Leben in anderer Geschwindigkeit meistert. Wenn er dann doch einmal Ratschläge gibt, wie in „Tugboats And Tumbleweeds“ seinem Sohn, dann richtet er sie auch an sein jüngeren Selbst. Ein erhellendes Werk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2019)

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