Bon Iver: Panik und Glück des Sängers

Zurück aus der Einsamkeit. Bon Iver, der US-Superstar der Eigenbrötler, hat sich nach seinem schwierigen dritten Album mit „i,i“ wieder geöffnet. Kryptisch bleibt er weiterhin.

Eigentlich hätte „i,i“ erst Ende August erscheinen sollen, nun wurde es überraschend veröffentlicht.
Eigentlich hätte „i,i“ erst Ende August erscheinen sollen, nun wurde es überraschend veröffentlicht.
Eigentlich hätte „i,i“ erst Ende August erscheinen sollen, nun wurde es überraschend veröffentlicht. – (c) Jagjaguwar

Justin Vernon, Mastermind der Band (oder: des Projekts) Bon Iver, hat etwas von einem typischen amerikanischen Quarterback: Groß, breit gebaut, Schirmmütze am Kopf (wilde, wenige Haare; das ist eher europäisch) und dann diese Stimme: ein Bass, dröhnend, fast dominant. In seinen Songs verwendet dieser Held der Eigenbrötler sie selten in voller Tiefe. Meist singt er im Falsett. Mit der Höhenstimmlage wurde er berühmt, mit seinem Debüt, dessen Entstehungsgeschichte schon fast ein Mythos ist. An Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt, alleine und von seiner Freundin verlassen, nahm er im Winter 2006/2007 „For Emma, Forever Ago“ in einer Waldhütte in Wisconsin auf. Neun reduzierte, schönste Indie-Folk-Songs. Im Wald-Unterschlupf bekam das Projekt auch seinen Namen, denn Vernon schaute die Fernsehserie „Ausgerechnet Alaska“, in der man sich mit „Bon Hiver“ grüßt, französisch für: Hab einen guten Winter.

Der Erfolg von „For Emma, Forever Ago“ wurde noch übertroffen vom doppelt selbstbetitelten, mit elektronischen Sounds angereicherten Zweitling (2011). Vernon bekam Grammys, jeder wollte mit ihm arbeiten, mit einigen tat er das auch, etwa Kanye West. Das überforderte den Songwriter. Kurzzeitig zog er auf die griechische Insel Santorin. Er hatte Panikattacken und Angstzustände. Der Sensible im robusten Körper war in der Krise, davon erzählt „22, A Million“, 2016 erschienen: in Musik gegossene Isolation. Kaum eine Melodie, die nicht abgebrochen, zerstört, destruiert wird.

Mit „i,i“ ist Vernon nun wieder dort, wo er am Beginn seines Höhenfluges war: zurück aus der Einsamkeit. Aus dem Eigenbrötler ist kein „Social butterfly“, kein geselliger Partylöwe geworden. Immer noch sind die Texte kryptisch, für Außenstehende nur teils verständlich. Immer noch sind Album- und Songtitel verfremdet, zumindest aber weniger anstrengend als auf „22, A Million“, wo ein Lied etwa „? 45? ?hieß.

Bon Iver: i,i
Bon Iver: i,i
Bon Iver: i,i – (c) Jagjaguwar/Cargo

Am Anfang: „Are you recording?“

Aber auf seinem vierten Album öffnet er sich deutlich. „i,i“ beginnt mit einer Frage: „Nimmst du auf?“ Ja. Er hat ein wenig Kontrolle abgegeben, nicht nur am Aufnahmeknopf. Bon Iver sei nun mehr eine Band als ein Soloprojekt, sagt Vernon in einer Art Erklärvideo auf Youtube. Neben ihm zählen auch Sean Carey, Matthew McCaughan, Michael Lewis und Andrew Fitzpatrick dazu. Ihre Namen finden sich (neben anderen, darunter James Blake) auch in den Credits.

„i,i“ erinnert stellenweise an Momente einer Jam-Session. Am deutlichsten in „Sh'Diah“, dem vorletzten Lied, aber auch schon am Beginn, in „iMi“. „I am lost here, again“, singt Vernon darin. Verloren klingt er gar nicht, eher angekommen – und experimentierfreudig, aber auf verspielte, nicht auf eine destruktive Art wie zuvor.

In „We“, das so abrupt endet wie viele Lieder des Albums, probiert er sogar annähernd Sprechgesang aus. Auf „Holyfield“ gibt es ein Wiederhören mit diesen wabernden, beinahe pulsierenden Sounds, die das zweite Album dominierten. „I'm happy as I've ever been“, singt er darin. Dann wird er gar politisch: „The land ain't rising, no.“

Sie alle sind Vorspiel zu „Hey Ma“, einem der ergreifendsten Songs in dem an großartigen Songs nicht armen Backkatalog des Künstlers. Kindheitserinnerungen im Falsett, wehmütig und anklagend. Trotz Bruchs harmonisch anschließend: Das von Klavier angeführte „U (Man Like)“ mit mühelosen Wechsel zwischen Falsett und Bass. Gefolgt ist es von „Naeem“, benannt nach dem Rapper Naeem Juwan alias Spank Rock (einer der Gaststars). Der Song ist ungewohnt zugänglich, fast poppig. Verschwunden scheint der Instinkt, sich vor den Hörern zu versperren. Wäre da nicht der Refrain, könnte man das Lied gar fröhlich nennen: „I can hear you crying.“ Sind das Tränen der Freude? Natürlich nicht. Das sperrige „Jemore“ („And one by one we'll all be gone“) verschafft dem Hörer eine Pause von der ungewohnten Heiterkeit, ehe „Faith“ wieder aufmacht. Gegen Ende flaut das Album ab. Aber das macht nichts, der zarte, bärtige Star wider Willen ist wieder da.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2019)

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