Patrice Rushen: Federleichte Fusion aus R&B, Jazz und Disco

KritikDie Pianistin und Sängerin eroberte in jungen Jahren männliche Bastionen des Jazz. Die magische Musik, die sie danach machte, ist auf einer neuen Werkschau versammelt: ein Ohrenschmaus!

Patrice Rushen: „Remind Me“
Patrice Rushen: „Remind Me“
Patrice Rushen: „Remind Me“ – (c) Strut/Hoanzl

Ein grooviges Stück des Jazzgitarristen O'Donel Levy hieß einmal „Sophisticated Disco“. Es bezeichnet ziemlich genau jene Musik, die die in L. A. geborene Pianistin und Sängerin Patrice Rushen nach Anfängen im Jazz gemacht hat. Schon als Schülerin kam sie mit Granden wie Herbie Hancock und Al McKay (Gitarrist von Earth, Wind & Fire) zusammen. Ihr Debütalbum „Prelusion“ kam 1974 heraus – auf Prestige, jenem renommierten Jazzlabel, das in den Fünfzigerjahren Thelonious Monk, John Coltrane und Miles Davis berühmt gemacht hat.

Auf „Prelusion“ begaben sich Spitzenjazzer wie der Saxofonist Joe Henderson unter das Kommando der 20-jährigen Patrice Rushen. Vier Jahre später wechselte Rushen zum Label Elektra. Sie begann zu singen und Synthesizer und E-Piano zu spielen. Das war die Voraussetzung für den großen Erfolg, der bald einsetzte. Rushen kostete davon, kehrte aber Anfang der Neunzigerjahre wieder in die kleinen, feinen Jazz-Zirkel zurück. Ihre Alben für Prestige und Elektra sind in der Zwischenzeit zu nicht schubladisierbaren Klassikern geworden.

Die nun erschienene Kompilation „Remind Me“ präsentiert einiges vom Besten von Rushen. Nicht ganz verständlich ist, dass ein Juwel wie „I Was Tired of Being Alone“ nicht inkludiert wurde. Aber egal, wichtig ist, dass Rushens federleichte, feminine Mischung aus R&B, Jazz und Disco wieder publik wird. Was für ein Ohrenschmaus! Damals wurde an nichts gespart. Streicher, Bläser, Chöre – alles war möglich. Rushen konnte ihr Talent zwischen 1978 und 1982 optimal in Szene setzen. Ein Lied wie „Let's Sing a Song of Love“ drückt trotz aller musikalischen Relaxtheit etwas durchaus Dringliches aus. Voller Magie ist ihr amateurhafter, auch nach all den Jahren erstaunlich frisch klingender Gesang. Bei quirligen Tanznummern wie „Haven't You Heard“ und „Givin' It Up Is Givin' Up” können auch Nachgeborene jene lässigen Tänze reimaginieren, die damals unter den Discokugeln praktiziert wurden: den Disco-Hustle, den Bump, den Bus Stop.

 

George Michael kaperte ihren Hit

Unglaublich, dass sich Rushen zusätzlich zu ihren eigenen großartigen Platten noch als Instrumentalistin, etwa bei Donald Byrd und Sonny Rollins, verdingt hat. Jazz macht offenbar noch mehr Spaß, wenn er ohne existenzielle Sorgen gespielt werden kann. Noch mehr Geld brach 1996 über Rushen herein, als Popstar George Michael ihren alten Hit „Forget Me Nots“ kaperte. Frech baute er dessen Refrain in seinen Welthit „FastLove“ ein. Rushen nahm es locker, kassierte die Tantiemen und spielte frohgemut ihren Jazz weiter. Diese mit viel Liebe gestaltete Werkschau wird sie wohl freuen, aber auch nicht von ihrem augenblicklichen Tun abbringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2019)

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