Miles Davis polarisiert auch posthum

KritikFast progressiv. Das eben erschienene, lange verschollene Miles-Davis-Werk „Rubberband“ ist purer R&B mit Trompetendekoration. Jazzer mögen schimpfen, aber das heftig nachbearbeitete Opus ist auch ein Hörgenuss.

Miles Davis, Rubberband
Miles Davis, Rubberband
Miles Davis, Rubberband – (c) Warner Music

Gestandene Jazzer geben sich entsetzt: Das posthum unter dem klingenden Namen Miles Davis erschienene Album „Rubberband“ sei doch vom „talentfreien Neffen Vince Wilburn Jr.“ produziert! Ein von Steel Drums gewürzter Track wie „Paradise“ sei gar eine Art Wiedergeburt der Goombay Dance Band! (Ältere Musikhörer erinnern sich: Das war eine deutsche Kombo, gegründet von Oliver Bendt, der bei den Regensburger Domspatzen sozialisiert wurde und später extrem verwässerten Disco-Karibik-Sound in die Hitparaden spülte.)

Der 1991 verstorbene Trompeter Miles Davis, der zurecht als der große Game Changer des Jazz gilt, weil er statt Virtuosität Musikalität zum Fokus gemacht hat, umarmte zuletzt jede erreichbare Kommerzmusik. Er hauchte flache Cyndi-Lauper-Balladen wie „Time After Time“, spielte Michael Jacksons Hit „Human Nature“ nach, ja probierte sich sogar mit „The Doo Bop Song“ im Hiphop. Musikalische Seichtheiten dominierten die letzten Jahre dieses einstigen Bilderstürmers. Verglichen damit hört sich „Rubberband“ fast progressiv an.

Musikalisch geprägt sind die elf Stücke von ehemaligen Sidemen Davis'. Vom Gitarristen Randy Hall etwa, oder dem Keyboarder Attala Zane Giles: Im Booklet erzählt dieser, dass Davis bewusst kommerziell ausgerichtet war. Er wollte die Hitparaden erobern. Warum, darüber kann man spekulieren. Ging es ihm ums Geld, um den Anschluss an den Zeitgeist? Oder sah er sich als Rivale von Herbie Hancock? Egal ob dieser Soul, Funk oder Electro anfasste, er tat es cleverer und geschmackvoller als Miles Davis.

Davis hätte das Album wohl geliebt

Als die „Rubberband“-Sessions 1985 abgeschlossen waren, ließ sich Davis das Ganze denn auch gleich wieder ausreden. Die Aufnahmen verschwanden, trotzig integrierte Davis aber Teile davon in sein Live-Programm: darunter das Titelstück sowie das sphärische „The Wrinkle“.

Natürlich ist es ein Fehler, das nun erschienene Werk als genuines „Miles-Davis-Album“ zu verkaufen, ist es doch massiv nachbearbeitet und zugeschnitzt für Hörer zeitgenössischen R&Bs. Ehrlicher wäre es gewesen, es klar als Re-Work, als Nachbearbeitung zu deklarieren. Davon abgesehen gibt es nicht viel zu bemäkeln. Die Koproduzenten Hall und Giles haben, gemeinsam mit Miles Davis' Neffe Vince Wilburn Jr., ein modernes R&B-Album kreiert, das mit farbigen Miles-Davis-Trompetenklängen ornamentiert ist. Es wird sogar gesungen, von königlichen Vokalistinnen wie Ledisi und Lalah Hathaway sowie von Randy Hall persönlich. Gegen Ende wird es durchaus jazzig. Wahrscheinlich hätte Davis dieses Album geliebt, rebellierte er doch ständig gegen sich selbst und seine künstlerischen Errungenschaften.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2019)

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